Studie: Vom Zustand der Sozialhilfe

Schatten und Wahrnehmungsbericht der Armutskonferenz: die vergessenen und verschwiegenen Probleme

(20.05.2026) Es gibt viele vergessene (und verschwiegene) Probleme in der Sozialhilfe. Die Soforthilfe funktioniert nicht, die Wohnkosten sind nicht tragbar, Härtefallregeln fehlen, Menschen mit Behinderungen wird ein selbstbestimmtes Leben verweigert, Hilfestellung und Angebote fehlen, Entscheidungsfristen am Amt sind zu lange und es treten große Mängel im behördlichen Vollzug auf.

Der Schatten- und Wahrnehmungsbericht der Armutskonferenz zeichnet ein umfassendes Bild vom Zustand der Sozialhilfe in Österreich: Von den Expert*innen der sozialen Praxis r wird sie in ihrer Funktion als letztes soziales Netz sowie als wichtiges Instrument der Armutsbekämpfung anerkannt, da sie für viele Menschen in Notlagen häufig das einzige verfügbare soziale Unterstützungssystem darstellt. Zugleich äußert jedoch ein großer Teil der Expert*innen Zweifel daran, dass die Sozialhilfe in ihrer gegenwärtigen Ausgestaltung eine wirksame Armutsbekämpfung gewährleisten kann.

Besonders kritisch sehen die Expert*innen die abgefragten Themen im Bereich „Verfahren und Vollzug der Sozialhilfe“. Die Ergebnisse verweisen auf problematische Bereiche: Aussagen, die dem Thema Verfahren und Vollzug der Sozialhilfe zugeordnet werden können, erhalten die schlechtesten Bewertungen. Aus den qualitativen Rückmeldungen wird deutlich: Die Leistungen der Sozialhilfe sind nicht armutsfest, die Wohnsätze zu gering. Wesentliche Mängel bestehen im Verfahren der Beantragung und Bewilligung der Sozialhilfe: komplizierte Anträge, viel zu lange Entscheidungszeiten, hohe bürokratische Hürden, nicht funktionierende Soforthilfe, mangelhafte Beratung, Ermessensausübung zum Schaden von Betroffenen und überschießende existenzgefährdende Sanktionen. Auch die Verpflichtung zur Unterhaltsver­folgung wird als ungerecht und belastend empfunden.

Hinsichtlich der Absicherung bestimmter Personengruppen zeigen die quantitativen Ergeb­nisse, dass Menschen mit psychischen oder chronischen Erkrankungen, Personen mit Be­treuungspflichten, selbstständig Erwerbstätige, Menschen in Ausbildung, von Wohnungsver­lust betroffene Personen sowie Nicht-Österreicher*innen im System der Sozialhilfe besonders schlecht aufgefangen und unterstützt werden.

Besonders verletzliche Gruppen

Aus den eingebrachten Fallbeispielen wird zudem deutlich, dass besonders vulnerable Grup­pen (psychisch Erkrankte, Menschen mit Behinderungen, Alleinerziehende, Wohnungslose) und Menschen, die von Multiproblemlagen betroffen sind, die an sie gestellten bürokratischen An­forderungen oftmals nicht erfüllen können. Sie werden in ihren spezifischen Notsituationen und dringenden Bedarfen nicht gesehen und fallen durch das soziale Netz.

Die geplanten Reformvorhaben im Bund sowie die Novellierungen der Ausführungsgesetze mehrerer Bundesländer werden fast durchgängig als negativ und als zusätzliche Bedrohung und Schwächung der Sozialhilfe gesehen: Ihre bereits eingeschränkte Funktions- und Leis­tungsfähigkeit für Menschen in Armut und Not und besonders die genannten vulnerablen Gruppen wird zusätzlichen Belastungen ausgesetzt sein, die nicht abgefedert werden kön­nen. Die Expert*innen erwarten Verschlechterungen der materiellen Absicherung mit zum Teil existenzbedrohlichen Konsequenzen. Armut, Wohnungslosigkeit und soziale Ausgrenzung drohen sich massiv zu verstärken.

Was hilfreich wäre

Die von der Armutskonferenz vorgeschlagenen Verbesserungen der Sozialhilfe (wirksame So­forthilfe, verkürzte Entscheidungsfristen, bürger*innenfreundlicher Vollzug, Unterhaltsrecht, Kindergrundsiche­rung, Mindestsätze, Übernahme tatsächlicher Wohnkosten etc.) werden demgegenüber von den Expert*innen der sozialen Praxis einhellig begrüßt und als sinnvolle und notwendige Verände­rungen im System der Sozialhilfe angesehen.

Der vorliegende Schatten- und Wahrnehmungsbericht der Armutskonferenz basiert auf den Daten einer groß angelegten Sozialhilfeerhebung, die im Dezember 2025 und Jänner 2026 durchgeführt wurde. Insgesamt flossen die Rückmeldungen von 700 Expert*innen der sozialen Praxis aus ganz Österreich ein, die in ihren unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen mit Sozialhilfeempfänger*innen zu tun haben. Die Datenerhebung erfolgte mittels eines standardisierten Fragebogens mit quantitativen und qualitativen Elementen.


Gesamtdokument Studie: Zum Zustand der Sozialhilfe

Auszüge und zentrale Ergebnisse