Studientag 2025 - Was ist Frauen-Arbeit wert?
Ungleiche Bewertung als Ursache für Frauenarmut und Gender Pay Gap
Zusammenfassung des Studientags der AG Frauen & Armut am 15.05.2025
In Österreich verdienen Frauen um 34% weniger als Männer. Grund dafür sind die hohe Teilzeitarbeitsquote und Brüche in den Berufsbiographien aufgrund von unbezahlter Care-Arbeit. Beim diesjährigen Frauen Studientag der Armutskonferenz stellten wir uns die Frage, welche Rolle die Bewertung von weiblich dominierter Arbeit bei der Entstehung des Gender Pay Gaps spielt.
Die Veranstaltung war gut besucht und bot eine spannende Themenauswahl, die vielfältige Facetten des Themas beleuchtete. Durch das Programm führte Marie Chahrour, Volkshilfe Österreich. Es folgt eine kurze Zusammenfassung der Inputs unserer Referent*innen.
Impulsvortrag Daniel Schönherr
Daniel Schönherr ist Sozialwissenschaftler und aktuell Senior Researcher bei FORESIGHT Research Hofinger GmbH. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen u.a. Arbeitszufriedenheit und Qualität von Arbeit, Arbeitslosigkeit und Arbeitsmarktintegration sowie Ursachen und Folgen von Diskriminierungserfahrungen und sozialer Ungleichheit. Daniel Schönherr, präsentierte Fakten zu systemrelevanten Berufen und Daten, die während der Covid Pandemie erhoben wurden.
Systemrelevante Berufe sichern das alltägliche Funktionieren der Gesellschaft sichern: Gesundheit, Hygiene, Betreuung, Versorgung, Mobilität. Diese Berufe sind überwiegend von Frauen besetzt, z. B. Pflege, Kinderbetreuung, Reinigung, Einzelhandel. Sie bringen oft eine hohe physische und psychische Belastung (z. B. Pflegepersonal auf Intensivstationen), prekäre Arbeitsbedingungen (Zeitdruck, Personalmangel, Infektionsrisiko) und niedrige Löhne – teils trotz Vollzeitarbeit unter der Armutsgrenze, mit sich. Während der Pandemie gab es öffentlich viel Applaus für die Beschäftigten in der Pflege oder im Handel. Von vielen Beschäftigten wurde dies symbolisch, aber insgesamt folgenlos erlebt.
Die gesellschaftliche und politische Bewertung dieser (Frauen-)Arbeit ist nicht mit ihrer realen Bedeutung für das Funktionieren der Gesellschaft vereinbar. Trotz medialer Aufmerksamkeit kam es nicht zu nachhaltigen Verbesserungen: Weder zu strukturellen Lohnanpassungen und auch kaum zu Verbesserungen bei Arbeitszeitmodellen oder Personalschlüsseln. So blieb Systemrelevanz ein temporäres Schlagwort, das nicht zu langfristiger Anerkennung führte.
Schönherr zeigte, dass Frauen einen überdurchschnittlichen Anteil an gesellschaftlich notwendiger Arbeit leisten, die jedoch unterbewertet ist – sowohl finanziell als auch symbolisch. Der Begriff „systemrelevant“ offenbart einen Widerspruch zwischen gesellschaftlichem Nutzen und gesellschaftlicher Wertschätzung. Es braucht eine neue Bewertung von Arbeit, die geschlechtergerecht ist, Sorge- und Dienstleistungsarbeit ernst nimmt und eine strukturelle Aufwertung statt bloßer Anerkennungssymbole (Applaus, Kampagnen) schafft.
Impulsvortrag Christina Klenner
Den zweiten Input lieferte Christina Klenner, Dipl. Ökonomin und Sozialwissenschaftlerin am Institut für empirische Sozial- und Wirtschaftsforschung (INES) in Berlin, wo sie Senior Research Fellow und Expertin für die Themen Gender, Lebensverlauf, unbezahlte Arbeit, Geschlechterarrangements und Gleichstellungspolitik ist.
Christina Klenner hat zusammen mit Ute Klammer und Sarah Lillemeier den Comparable Worth Index (CWI) entwickelt, um eine geschlechtergerechte Bewertung von Arbeit zu ermöglichen. Grundlage war die Annahme, dass klassische Arbeitsbewertungsverfahren (z. B. Tarifverhandlungen, innerbetriebliche Bewertungssysteme) oft geschlechtsbezogene Verzerrungen widerspiegeln – Tätigkeiten, die überwiegend von Frauen ausgeübt werden („Frauenberufe“), werden systematisch geringer eingestuft als gleichwertige Männerberufe.
Der CW‑Index ermöglicht eine geschlechtsneutrale Bewertung beruflicher Anforderungen und Belastungen. Mit dem CW‑Index werden vier zentrale Dimensionen beruflicher Anforderungen bewertet. Die Dimensionen sind Fachwissen, psychosoziale und physische Anforderungen, sowie Verantwortung. Die Idee ist, gleiche bzw. gleichwertige Tätigkeiten nach diesen Kriterien objektiv zu erfassen – unabhängig vom Geschlecht. Zudem können Berufe mit unterschiedlichen Tätigkeitsprofilen verglichen und geschlechtergebundene Diskriminierung aufgedeckt und quantifiziert werden.
Geschlechterdifferente Arbeitsbewertungen – also evaluative Diskriminierung – sind ein oft vernachlässigter, aber zentraler Faktor für den Gender Pay Gap sind. Mit dem CW-Index kann diese Diskriminierung statistisch greifbar gemacht werden. Die Ergebnisse von Klenners Forschungen bieten nun auch empirische Evidenz, dass Frauenarbeit systematisch entwertet und schlechter bezahlt wird.
Impulsvotrag Barbara Schuster
Den Abschluss bildete die Präsentation von Barbara Schuster. Sie ist Volkswirtin und derzeit beim wirtschaftspolitischen Think Tank Momentum Institut tätig. Ihre Forschungsinteressen umfassen u.a. Ungleichheiten im Einkommens- und Vermögensbereich, insbesondere Verteilungsaspekte. Als feministische Ökonomin vertritt sie eine geschlechterspezifische Perspektive beispielsweise bei Fragen zu Gender-Ungleichheiten, Care-Arbeit und fairer Arbeitszeitverteilung.
Sie erläutert, dass Frauen genauso viel wie Männer verdienen, aber dafür weniger Geld erhalten. Schuster fragte in ihrer Arbeit nach dem gesellschaftlichen Nutzen verschiedener Tätigkeiten und stellt fest, dass jeder Euro, den eine Reinigungskraft kostet, 11-fach an die Gesellschaft zurück gelangt. Jeder Euro, den eine Steuerberater*in kostet, kostet die Gesellschaft jedoch 50 Euro. Dies bildet sich in der Lohnstruktur nicht ab. Die unbezahlte Arbeit könnte nach Schätzungen ca. ¼ der österreichischen Wirtschaftsleistung ausmachen. Laut Momentum Institut wird in Österreich Care-Arbeit im Umfang von rund 108 Milliarden Euro geleistet.
Auch Teilzeit ist eher ein Frauenthema – typische Frauenbranchen, wie Handel oder Sozialwesen, weisen höhere Teilzeitangebote auf. Dies vermutlich nicht nur weil die Nachfrage danach größer ist, sondern weil Teilzeitanstellungen Unternehmen Vorteile und mehr Flexibilität bieten.
Frauenarbeit – vor allem unbezahlte Care-Arbeit – sollte als wirtschaftlich relevante Leistung wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Politische Maßnahmen sind erforderlich, um diese Leistung zu entlasten, gerechter zu entlohnen und strukturell sichtbar zu machen. Die Referentin setzt sich für Reformen ein, zu ihren Forderungen gehören insbesondere: flächendeckende, kostenfreie Kinderbetreuung, eine Pflicht zu Väterkarenz, die Aufwertung von Kindererziehungs- und Pflegezeiten, stärkere Ausgleichszulagen unabhängig vom Familienstand, transparente Bezahlung und ein gesetzlicher Anspruch auf Vollzeit, sowie die Etablierung einer 30‑Stunden-Woche als faireres Arbeitszeitmodell.




