Menschen brauchen mehr...

Um ein bescheidenes aber angemessenes Leben in Österreich zu führen, ist deutlich mehr Geld nötig als etwa bei Mindestsicherung oder bei Einkommen, die sich am Existenzminimum orientieren, bleibt. Referenzbudgets geben Orientierungshilfe, was es braucht, um Armut und soziale Ausgrenzung zu verhindern.

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Welche Ausgaben hat eine Familie mit zwei Kindern zu bewältigen? Wie kommt eine Mindestpensionistin über die Runden? Die Analyse von Haushaltsbudgets gehört zum täglichen Geschäft der Schulden- und Budgetberatung. Im Rahmen eines europäischen Projektes hat die Dachorganisation der staatlich anerkannten Schuldenberatungen (ASB Schuldnerberatungen GmbH) vor einigen Jahren für Österreich sogenannte Referenzbudgets entwickelt, die seither jährlich aktualisiert werden.

Referenzbudgets zeigen auf, was an Geld zur Verfügung stehen muss, um einen angemessenen, wenn auch bescheidenen Lebensstil zu ermöglichen. Anders gesagt: Wieviel Geld braucht ein Haushalt, um ein Leben zu führen, das gesunde Ernährung, angemessenen Wohnraum und ein Minimum an sozialer und gesellschaftlicher Teilhabe ermöglicht? Referenzbudgets orientieren sich also nicht am vorhandenen Einkommen, sondern zeigen anhand der durchschnittlich notwendigen Ausgaben auf, was für ein würdiges Leben notwendig wäre.
Referenzbudgets liefern wichtige Referenzwerte für die Überprüfung sozialpolitischer Maßnahmen oder auch die Diskussion EU-weiter sozialer Standards. Es gibt sie bereits in mehreren europäischen Ländern, wo sie teilweise auch zur Kreditwürdigkeitsprüfung herangezogen werden oder zur Kaufkraftkalkulation, in der Armutsforschung und Sozialplanung.

Für Österreich liegen Referenzbudgets für sieben Haushaltstypen vor (vom Ein-Personen-Haushalt bis zum Paar mit drei Kindern). Sie finden als „Budgetbeispiele“ bereits ganz konkret Anwendung in der Budgetberatung – einem kostenlosen Angebot der staatlich anerkannten Schuldenberatungen für all jene, die ihr Haushaltsbudget mit professioneller Unterstützung überprüfen wollen. In der Budgetberatung sitzen beispielsweise junge Paare, die Nachwuchs erwarten oder planen. Gemeinsam mit einer/einem BudgetberaterIn werden die zu erwartenden Ausgaben durchgerechnet – und mit dem entsprechenden Referenzbudget verglichen. Das hilft bei der Orientierung und ist für viele auch ein Reality-Check: Welche Kosten kommen realistischerweise auf mich/uns zu?

Abgesehen vom Beratungsangebot ermöglicht ein eigens programmierter Budgetrechner, die Ausgaben selbst am PC oder Smartphone zu sammeln und direkt mit den Referenzbudgets zu vergleichen. Dies kann einen wichtigen ersten Überblick geben.

Das Mindeste ist zu wenig.

Armutsgefährdungsschwelle, Existenzminimum und Mindestsicherung liegen weit unter den Referenzbudgets! Für ein Paar mit zwei schulpflichtigen Kindern liegt das Referenzbudget 2017 bei 3.508 Euro. Die Armutsgefährdungsschwelle für diese Familie liegt um mehr als 700 Euro niedriger bei 2.726 Euro.
Anderes Beispiel: Für eine Alleinerziehende mit einem Kind liegt das Referenzbudget 2017 bei 2.146 Euro. Wird diese Alleinerziehende mit geringem Einkommen aus Teilzeitarbeit im Rahmen der Schuldeneintreibung von einem Gläubiger gepfändet, so bleiben ihr nur knapp 1.000 Euro an „Existenzminimum“. Es fehlen ihr also über 1.000 Euro jedes Monat zur Begleichung sämtlicher Kosten.

„Menschen brauchen mehr als Essen und ein Dach über dem Kopf“, sagt Clemens Mitterlehner, Geschäftsführer der ASB Schuldnerberatungen GmbH. „Sie brauchen Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln, zum Internet, Kinder brauchen Kleidung, Schulmaterialien und Betreuung nach der Schule. Jeder hat das Recht auf ein Minimum an sozialer Teilhabe, also einmal ins Kino gehen zu können, hin und wieder Freunde nachhause zum Essen einladen zu können. Das Existenzminimum wie auch die Mindestsicherung bräuchten dringend eine Erhöhung, um Armut und soziale Ausgrenzung einzudämmen.“

Seit die Mindestsicherung in jedem Bundesland anders geregelt ist, ist ein Vergleich mit den Referenzbudgets schwierig. Allerdings kann eines mit Sicherheit gesagt werden: Die Mindestsicherung liegt in allen Varianten und in jedem Bundesland weit unter den Referenzbudgets für ein angemessenes, gesundes Leben.

Gabriele Horak-Böck (ASB Schuldnerberatungen GmbH)

Linktipps:

Zu den Referenzbudgets 2017 auf www.schuldenberatung.at

Anmeldung zur Budgetberatung, Budgetbeispiele und –vorlagen zum Überprüfen des Haushaltsbudgets: zur Website www.budgetberatung.at

Mobiler Budgetrechner inkl. direktem Vergleich mit Referenzbudgets: zur Website www.budgetrechner.

Veröffentlicht am 30.08.2017