Erhebung „Die Teuerung und das untere Einkommensdrittel“: Zerbrochene Zukunftspläne, Ohnmacht und Scham

„Von unten gesehen“. Neue Studie zur sozialen Lage aus Sicht von Betroffenen: Armut bekämpfen & vermeiden, Teuerung ausgleichen, Preise dämpfen!

(10.11.23). „Die detailreichen Erzählungen Armutsbetroffener machen klar, dass sie von der Teuerung gezwungen worden sind, den Gürtel noch enger zu schnallen. Armutsbetroffene lebten in Österreich bereits vor der Teuerung am Limit oder regelmäßig auch darunter“, berichtet Studienautorin Evelyn Dawid von den Ergebnissen der heute veröffentlichten qualitativen Erhebung. „Die kleinste finanzielle Mehrbelastung bringt bei ihnen stets das Gleichgewicht – sofern es überhaupt eines gibt – durcheinander. Ihre Lebensrealität besteht im Alltag darin, mit den Rechnungen und Ausgaben zu jonglieren: Wenn Geld hereinkommt, wird eines der Löcher gestopft. Es gab keine Stunde Null vor der Teuerung, in der die Haushaltsbudgets der Armutsbetroffenen ausgeglichen gewesen wären.“ „Ich esse schon seit längerem nur einmal am Tag, habe Kontakte eigentlich völlig abgebrochen und sitze daheim, weil das einfach das Kostengünstigste ist. Das ist aber jetzt nicht unmittelbar eine Folge der Inflation im letzten Dreivierteljahr, sondern ich hatte vorher schon kein Geld und habe dementsprechend vorher schon Maßnahmen setzen müssen“: Das sagt ein Mann, der unter der Armutsgrenze lebt. Eine Studie der Armutskonferenz im Auftrag des Sozialministeriums hat jetzt seine Stimme und die Stimmen vieler anderer hörbar gemacht. Berücksichtigt wurden Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, und Personen, die knapp darüber in der „unteren Mittelschicht“ zu verorten sind.

Armut bekämpfen, Teuerung ausgleichen, Preise dämpfen

Wenn wir die Inflation abgelten, dann ist alles wieder ok, meinen manche. „Das stimmt dort, wo vorher alles ok war. Dort aber, wo schon seitjeher massive Lücken und Fehlentwicklungen aufgetreten sind, kommt die Teuerung jetzt dazu“, analysiert Sozialexperte Martin Schenk von der Armutskonferenz: „Die Krise offenbart die Lücken und Fehlentwicklungen von vorher umso schmerzlicher – auch für diejenigen, die jetzt neu betroffen sind. Ärmeren wirklich zu helfen, heißt also, die Teuerung auszugleichen und die Probleme von vorher zu lösen“. Die Ziele müssten sein: Armut verringern, Teuerung ausgleichen, Preise dämpfen. „Auf die untere Mittelschicht sollte dabei im Sinne der Armutsvermeidung besonderes Augenmerk gelegt werden.“

Winzig – und doch so riesig

„Der Verzicht, den Armutsbetroffene leisten mussten, ist oft objektiv winzig, aber subjektiv riesig – wie diese Studie zeigt. Wer von einem öffentlichen Kaffeeautomaten zu einem anderen, um wenige Cent billigeren wechselt, bewegt sich in so engem Rahmen, dass das statistisch schwer zu erfassen ist, empfindet aber eine massive Einschränkung der Lebensqualität“, erläutert Studienautorin Evelyn Dawid die Ergebnisse. Die Erhebung bringt Einblicke, wie sich die soziale Lage im Frühjahr 2023 „von unten gesehen“ anfühlte. „Einen Kaffee trinken ist Luxus geworden“, erzählt eine armutsbetroffene Frau. „Sie fangen beim Automatenkaffee in der Klinik an, der kostet jetzt 1,10 oder 1,20 Euro. Sie fangen an zu sparen, Sie suchen sich einen Automaten, wo Sie ihn noch billiger finden. Sie setzen sich an die Universität, Sie setzen sich da hin, weil Sie wissen, da sind noch Automaten, da kriegn S‘ um 50 Cent noch einen Kaffee, da können Sie sich zwei gönnen, Da können Sie sich zwei Luxuskaffee gönnen.“

Untere Mittelschicht: Ohnmacht und Ärger / Wegbrechen von Zukunftsplänen

Die untere Mittelschicht hat mehr zu verlieren und spürt das aktuell auch. Die finanziellen Einbußen durch die höheren Preise, der Verlust an Lebensqualität sowie das Wegbrechen von Zukunftsplänen und -träumen lassen das Gefühl von Ohnmacht entstehen – ungewohnt für Menschen, die in einem Gefühl der ökonomischen Sicherheit und Stabilität lebten und außerdem stets Spielraum für die Gestaltung ihres eigenen Lebens und auch der Gesellschaft hatten. Ihre Stimmungslage wechselt zwischen Frustration und Verzweiflung, Angst und Ärger. Sie sind in ihrer Empörung über die Teuerung, die ihre Situation so verschlechtert hat, lauter als die Armutsbetroffenen, die wiederum laut werden, wenn es um die Faktoren geht, die sie einst – das heißt schon vor Einsetzen der Teuerung – in Armut gebracht haben.

Großer Verlust an Lebensqualität

„Die Strategien der beiden befragten Gruppen unterscheiden sich insofern, als die Armutsbetroffenen die großen Schritte, die die Mittelschicht jetzt gerade machen muss, häufig schon in dem Augenblick hinter sich gebracht hat, als sie in Armut geraten sind“, analysiert Evelyn Dawid. So erzählen auch Armutsbetroffene, dass sie früher Bio-Lebensmittel gekauft haben, allerdings bezieht sich dieses „früher“ nicht auf die Zeit vor der Teuerung, sondern vor den Ereignissen, die sie in Armut geführt haben: zB eine Erkrankung, die Pensionierung nach einem Erwerbsleben als Ein-Personen-Unternehmer·in oder die Geburt eines behinderten Kindes. Die untere Mittelschicht macht in Folge der Teuerung gerade große Schritte zurück, die insbesondere die Lebensqualität treffen, während die Armutsbetroffenen so sehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, dass ihnen kaum noch Normalität bleibt: Im Supermarkt sind für sie zB nur noch die abgelaufenen Lebensmittel leistbar, ansonsten heißt es im Sozialmarkt einkaufen. Die untere Mitte hingegen schränkt Freizeit und soziale Kontakte massiv ein: „Früher bin ich jedes Wochenende in irgendein Lokal, zwei, drei Bier und so weiter und so fort. Das mach ich nicht mehr, das kann ich mir nicht mehr leisten“, erzählt ein Mann aus der unteren Mittelschicht.

Scham

Scham ist die ständige Begleiterin von Armut, das wissen armutsbetroffene Menschen, und die untere Mittelschicht bekommt es gerade zu spüren: „Bei Freunden, die wohlhabend sind, da rede ich nicht über meine Probleme, weil ich möchte mich nicht klein fühlen, sagen wir so.“ Und: „Da ist eine große Sorge, eine große Angst in mir drinnen. Manchmal lasse ich das raus, ich spreche darüber mit meinem Mann und mit Ihnen jetzt. (…) Ich finde auch, es ist peinlich. (…) Meistens behalte ich das bei mir“, sagen Befragte aus der unteren Mitte.

Strategien gegen die Teuerung

Strategien, der Entwertung des Einkommens zu begegnen, waren: mehr zu arbeiten, Ersparnisse aufbrauchen, Schulden zu machen, auf die Hilfe von Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft zu bauen, die Nothilfen von diversen Einrichtungen zu nutzen oder alternative Geldquellen zu erschließen. So haben zwei Pensionistinnen – eine armutsbetroffen, die andere aus der unteren Mittelschicht – eine geringfügige Beschäftigung angenommen, eine Alleinerzieherin hat zu ihrer Vollzeitarbeit einen Zusatzjob fürs Wochenende, und ein Teilzeitbeschäftigter ist aktuell auf der Suche nach einer zweiten Teilzeitstelle. Für einen Armutsbetroffenen geht nicht mehr viel: „Ich habe mich halt wirklich reduziert. Viel weiter geht‘s nicht. Das nächste ist dann (…) Plasma spenden, dass halt auch von der Seiten ein bisschen was reinkommt. Oder halt Medikamentenstudien.“

SERVICE

Studie „Die Teuerung und das untere Einkommensdrittel: Wirkungen und Strategien“, Eine Erhebung zur sozialen Lage aus Sicht von Betroffenen, Die Armutskonferenz, 2023.
Berücksichtigt wurden Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, und Personen, die darüber in der „unteren Mittelschicht“ zu verorten sind. Die Daten wurden in moderierten Gruppendiskussionen gewonnen. Die Erhebung fand im März und April dieses Jahres statt: Zur Studie (qualitative Studie ab Seite 66)

Rückfragen & Kontakt:

Die Armutskonferenz.

01/4026944 od 0664/5445554


Video mit zentralen Ergebnissen der Studie


Die Studie und dieses Video wurden unterstützt durch das Sozialministerium