Soziale Schere macht krank

Ein solidarisch finanziertes Gesundheitssystem allein ist noch nicht gesundheitsfördernd – Einkommen und sozialer Status haben großen Einfluss

(20.08.2019) Österreich gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Die Gesundheitsausgaben sind mit 10,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im internationalen Vergleich relativ hoch. Doch auch ein hochentwickeltes Gesundheits- und Sozialsystem mit praktisch universellem Zugang schafft noch keine "Gleichheit" in Sachen Gesundheit. Das zeigen aktuelle Daten, die bei den diesjährigen Alpbacher Gesundheitsgesprächen präsentiert wurden.

"Wir haben vier Dimensionen in diesem Zusammenhang: die Unterschiede in den gesundheitlichen Belastungen wie schimmlige Wohnung, belastende und prekäre Arbeitsverhältnisse, Luft-und Lärmbelastung, Stress und Unterschiede in den Ressourcen zur Bewältigung von Problemen wie Handlungsspielräume, Anerkennung, soziale Netzwerke und Bildung. Hinzu kommen Unterschiede in der gesundheitlichen Versorgung mit Krankenversicherung, Selbstbehalten, Wartezeiten, Fachärzten – und schließlich Faktoren wie Ernährung, Bewegung, Schlaf et cetera. Diese Faktoren sind eng miteinander verwoben", erklärte Martin Schenk von der Armutskonferenz.

Über die gesetzliche Krankenversicherung haben fast hundert Prozent der Bevölkerung Zugang zum österreichischen Gesundheitswesen. Es zählt damit im internationalen Vergleich zu den egalitärsten Systemen. Dennoch ist Armut nach wie vor auch in Österreich das größte Gesundheitsrisiko – und ein funktionierendes Gesundheitssystem allein macht noch nicht gesund.

Arme, kranke Kinder

"43 Prozent der Personen mit niedrigem Einkommen haben ein chronisches Gesundheitsproblem, während dies nur auf 33 Prozent der Menschen mit hohem Einkommen zutrifft. Dieser sozioökonomische Unterschied ist in jungen Jahren noch nicht so relevant, zeigt sich aber deutlich ab einem Alter von 40 Jahren. So haben 51 Prozent der 40- bis 64-Jährigen mit niedrigem Einkommen, aber nur 33 Prozent der 40- bis 64-Jährigen mit hohem Einkommen eine chronische Krankheit", erklärte Schenk.

Krankheit oder eine gesundheitliche Beeinträchtigung kommen zumeist nicht allein. Die österreichischen Daten sprechen hier für deutliche Unterschiede besonders im Kindes- und Jugendalter: Vier Prozent der Kinder und Jugendlichen (bis 19 Jahre) aus Familien mit niedrigem Einkommen weisen eine mehrfache gesundheitliche Benachteiligung auf, hingegen nur ein Prozent dieser Altersgruppe aus Familien mit mittlerem Einkommen, in der Gruppe der Gutverdiener sind es null Prozent. Bei den 20- bis 39 Jahren liegen diese Anteile mit vier, drei und zwei Prozent dichter beieinander.

Besonders deutlich zeigen sich die Unterschiede in der Alterskohorte der 40- bis 64-Jährigen: Hier weisen 21 Prozent der Menschen mit niedrigem Einkommen eine mehrfache gesundheitliche Benachteiligung auf, hingegen acht Prozent mit mittlerem Einkommen und vier Prozent mit hohem Einkommen. Bei den über 65-Jährigen sind die Anteile mit 24, 22 und 18 Prozent wiederum ähnlicher. Für diese relativ geringen Unterschiede könnte allerdings auch die deutlich geringere Lebenserwartung von Menschen mit niedrigem Einkommen verantwortlich sein.

Kürzeres Leben

"Armutsbetroffene sterben um zehn Jahre früher als Rest der Bevölkerung, bei Wohnungslosen macht der Unterschied sogar 20 Jahre aus. Männer in manifester Armut sterben um 11,2 Jahre früher, Frauen um 4,4 Jahre früher als der Rest der Bevölkerung. Bei länger andauernder Armut verringert sich die Lebenserwartung um zwölf Jahre bei Männern und 9,1 Jahre bei Frauen. Diese enorme Einschränkung der Lebenserwartung betrifft in Österreich fast 270.000 Menschen oder 3,2 Prozent der Bevölkerung", betonte Schenk. Das entspreche in etwa der Bevölkerung von Graz, der zweitgrößten Stadt Österreichs.


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