Kürzung wäre existenzbedrohend!

Nora und ihren sechsjähriger Sohn kann die Mindestsicherung vor dem Absturz bewahren. Mehr ist nicht drinnen, was Nora im Blick auf die Zukunft ihres Buben große Sorgen macht.

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Ich habe einen Sohn, der nächstes Jahr in die Schule kommt. Ab nächsten Herbst heißt es: Schulsachen kaufen, Schulausflüge bezahlen, Hort bezahlen, Gruppenzwang bezüglich „was man halt so haben muss“, und so weiter. Außerdem würde ich meinem Sohn gerne Musikunterricht und einen Sport ermöglichen, um seine Interessen fördern zu können. Je eigenständiger mein Sohn wird und selbst entscheidet, was er kaufen will, desto teurer wird es für mich. Als Alleinerzieherin in einer normalen Mietwohnung reicht die Mindestsicherung kaum für das Nötigste. Trotzdem habe ich bald festgestellt, dass ich als Berufseinsteigerin bei den meisten Arbeiten sogar noch weniger verdienen würde, da ich wegen meinem Kind nicht mehr als 30 Stunden/Woche arbeiten kann und will. Eine paradoxe Situation. Der Knackpunkt daran ist jedoch nicht, dass die Mindestsicherung zu hoch ist, denn eine Kürzung wäre für die BezieherInnen existenzbedrohend. Die Löhne sind im Verhältnis einfach zu niedrig. Das zeigt sich besonders bei Alleinerzieherinnen, die eben auch Alleinverdienerinnen sind. Österreichweit wird für mehr als die Hälfte der Kinder nicht der angemessene Unterhalt gezahlt, so auch bei mir. Mein Gehalt müsste also für den kompletten Lebensunterhalt von mir und meinem Kind reichen. Tut es bei den meisten Berufseinsteiger Jobs aber nicht. Oder es gibt 200 Mitbewerber auf die Stelle und man bekommt sie nicht. Oder die Rahmenbedingungen funktionieren nicht. Allein schon an den Bedingungen vieler Arbeitsstellen ist es oft gescheitert: viele Stellen sind als freie Dienstverhältnis ausgeschrieben. D.h. es gibt so gut wie kein Geld, wenn man selbst oder das Kind krank ist. Ein sehr großes Risiko, wenn man allein für das Haushaltseinkommen verantwortlich ist und ein kleines Kind hat, das ständig krank ist. Oder Bereitschaft zu Dienstreisen ist Voraussetzung. Auch schwierig als Alleinerzieherin ohne Familie am Wohnort.

Dank dem waff und dem AMS konnte ich noch eine zusätzliche Ausbildung absolvieren, um meine Chancen in der Arbeitswelt zu verbessern. Nebenher habe ich mir meine Rahmenbedingungen geschaffen, um mich mit relativ wenig Risiko selbstständig machen zu können. Wenn ich 20 Jahre älter wäre, hätte ich auf dem Arbeitsmarkt kaum noch Chancen auf einen Ein- bzw. nennenswerten Aufstieg, insbesondere als Frau und Mutter. Wenn ich kein dichtes soziales Netz als meine Gesellschaft hätte, würde ich wohl tatsächlich darunter leiden, an vielen Dingen der Allgemeinheits-Gesellschaft nicht teilhaben zu können. Wenn ich ernsthaft körperlich krank werde, habe ich in einer Gesellschaft der Zwei-Klassen-Medizin oft nur die Aussicht auf eine wirklich gute Behandlung, wenn ich diese teuer bezahlen kann. Wenn ich psychisch beeinträchtigt wäre, hätte ich es vermutlich nicht geschafft, mein Studium als Alleinerzieherin von einem kleinen Kind abzuschließen und mich danach noch weiterzubilden. Wenn ich nicht die Möglichkeit gehabt hätte, an einer Universität zu studieren und danach noch Förderungen für eine zweite Ausbildung zu kriegen, würde ich meiner beruflichen Zukunft sehr viel besorgter entgegenblicken. So viel Glück haben bei weitem nicht alle, die armutsgefährdet sind.

In ein paar Monaten läuft meine Mindestsicherung aus und ich werde sie sicher nicht noch einmal verlängern. Selbst wenn meine finanzielle Situation dadurch schlagartig sehr viel unsicherer wird. Mindestsicherung zu beziehen macht etwas mit der Psyche, das für Außenstehenden schwer zu beschreiben ist. Ich beziehe seit zwei Jahren Mindestsicherung und habe in dieser Zeit immer viel gearbeitet. Für meine Ausbildung, ehrenamtliche Arbeit, Selbstständigkeit vorbereiten, etc. Für diese Dinge werde ich aber nicht bezahlt. In unserer Gesellschaft hängt an Bezahlung sehr viel Wertschätzung und Respekt. Für eine Tätigkeit nicht direkt bezahlt zu werden suggeriert einem, dass die Arbeit nicht viel wert ist. Obwohl man theoretisch ja weiß, dass das nicht so ist. Außerdem wird jeder Euro, den man offiziell dazuverdient, abgezogen, bzw. das Einkommen bis zu einem bestimmten Betrag aufgestockt. Das macht in der Theorie natürlich Sinn, in der Praxis ist es ein Hemmschuh und demotiviert, einen ersten Schritt raus aus der Mindestsicherung zu machen. Erste Schritte sind oft klein, anstrengend und mit einem kleinen Einkommen verbunden. Wenn jeder Euro, den ich damit verdiene, abgezogen wird, und ich am Ende nicht mehr Geld habe, wie wenn ich mich gar nicht erst bewegt hätte, ist das nicht gerade ein Anreiz. Ein weiterer Grund, warum ich froh bin, die Mindestsicherung bald hinter mir lassen zu können, ist die MA 40. Ich habe selbst sehr negative Erlebnisse mit diesem Magistrat gehabt und auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind unschöne Dinge passiert. Davon bald unabhängig sein zu können, darauf freue ich mich sehr.

Auf Wunsch anonymisiert

Veröffentlicht am 23.3.2017