Erhebung: Armutsbetroffene und die Corona-Krise

Eine Erhebung zur sozialen Lage aus der Sicht von Betroffenen

(8.10.2020) Die Studie untersucht die Auswirkungen der so genannten Corona-Krise auf den Alltag armutsbedrohter und armutsbetroffener Personen in Österreich. Sie berücksichtigt in besonderem Maß jene hoch vulnerablen Personengruppen, die bereits seit längerer Zeit ein Einkommen unter oder nahe der Armutsgefährdungsschwelle haben und/oder gesellschaftlich ausgegrenzt werden. Aber sie untersucht auch die Situation jener Gruppen, die infolge der Covid-19-Pandemie neuerdings in (oder in die Nähe von) Armut geraten sind.

Die Ergebnisse dieser qualitativen Erhebung lassen erkennen, welche konkreten Auswirkungen die Konfrontation mit einer Pandemie und einem Lockdown hatte. Sie zeigen auf, welche staatlichen und privaten Unterstützungsmaßnahmen gegriffen haben und wo bis dato Lücken bestehen. Sie verweisen auf Ansatzpunkte für die sinnvolle Gestaltung zukünftiger Hilfsangebote. Neben der Fülle an lebensnahen Einzelheiten weisen die Daten darauf hin, dass das Extreme der Corona-Krise gesellschaftliche Missstände mit einer Klarheit zu Tage brachte, die zuweilen schmerzt (wie etwa im Falle der prekären Arbeitsbedingungen von selbstständigen Kulturschaffenden oder Leiharbeiter*innen), und gesellschaftliche Bruchlinien und Gräben sichtbar machte und zum Teil auch weiter öffnete (wie etwa jene zwischen Arm und Mittelständisch oder Alt und Jung).

„Ich mache mir nicht nur wegen mir Sorgen, sondern auch wegen meinen Kindern. Die sind nicht so super, super auf Zack schulisch, die sind gescheit und lieb und gut sozialisiert, aber ich habe einfach wesentlich mehr Zukunftsängste seit Corona. (...) Ich sehe einfach nicht, wo und wie die einen Platz finden würden. In einer totalen Ellbogengesellschaft irgendwie so als Habenichts sich durchschlagen zu müssen, dass wünsche ich mir für meine Kinder nicht.“

Der Ausnahmezustand rund um die Covid-19-Pandemie bringt regelmäßig soziale Ungleichheit und Missstände im Arbeitsleben ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit. Auch in dieser qualitativen Studie der Österreichischen Armutskonferenz entfaltete die Pandemie diese „enthüllende“ Kraft. Gefragt war nach den Auswirkungen der Corona-Krise auf das Leben von Menschen, die in Österreich von Armut bedroht oder betroffen sind. Zusätzlich zu vielen Details aus dem Corona-Alltag jener, die schon lange wissen, wie sich Armut anfühlt, aber auch jener, die aktuell ihren Job, ihr Engagement als Kunstschaffende oder ihre Aufträge als Ein-Personen-Unternehmer*innen (EPU) verloren haben und deshalb in die Nähe von Armut geraten sind, zeigt die Studie auch allgemeine Entwicklungen, etwa einige Bruchlinien in der Gesellschaft, die in den letzten Monaten sichtbar wurden: zwischen Arm und Mittelständisch, Arbeitslos und Erwerbstätig, Alt und Jung.

Wer vor dem März 2020 prekär oder gar irregulär gearbeitet hatte, konnte in den Wochen danach seinen bzw. ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft kaum noch bestreiten. Wer in prekären Verhältnissen arbeitet, kann einen wochenlangen Lockdown bzw. eine noch längere Zeit mit geringerem oder gar keinem Erwerbseinkommen nicht überbrücken. Betrachtet man also Gruppen, die schon im Frühjahr 2020 nicht mehr wussten, wie sie ihr Leben bestreiten sollen, stößt man oft auf prekäre Arbeitsverhältnisse aus den Zeiten der Normalität, zB bei den freiberuflichen Kunstschaffenden. Sie arbeiten für Kultureinrichtungen mit gutem Ruf, entwerfen Kostüme, spielen im Orchester oder sind im Hintergrund tätig, aber ihre Gagen sind beschämend niedrig und der Sozialversicherungsschutz löchrig.

Das geringfügige Zusatzeinkommen als Zünglein an der Waage: Es gibt eine große Zahl von Armutsbetroffenen, die einer geringfügigen Beschäftigung nachgehen und dadurch Arbeitslosengeld, Notstandshilfe oder (Mindest-) Pension aufbessert. 2020 lag die Geringfügigkeitsgrenze bei 460,66 Euro monatlich – das ist im Verhältnis zum Sozialleistungsbezug viel Geld. Viele verloren ihre geringfügige Beschäftigung nach dem Lockdown und damit einen beträchtlichen Teil eines Einkommens, das so knapp ist, dass jeder Euro zählt.

„Ich habe die ganzen Jahre über immer wieder mit kleinen Nebentätigkeiten (...) ein bissl was dazu verdienen können, das ist halt mit Lockdown überhaupt nirgends mehr gegangen, und dann bin ich wirklich zurückgeworfen worden auf diese (...) 600 Euro. (...) Was nämlich jetzt bei mir auch passiert ist: dass ich jetzt mehr Schulden angehäuft habe. Das sind keine großen Schulden, das ist dort einmal ein 50iger ausgeborgt, dort einmal einen 20er ausborgen. Nur irgendwann muss ich die zurückzahlen.“

Die Arbeit ist das zentrale Anliegen der Befragten, der Kunstschaffenden, der EPU (denen die Aufträge weggebrochen sind), der „neuen“ Arbeitslosen, der Erwerbstätigen (die mit der Arbeit im Homeoffice gekämpft haben), der Langzeitarbeitslosen (die ihre Chancen angesichts der neuen, besser qualifizierten Konkurrenz am Arbeitsmarkt schwinden sehen) sowie einer Gruppe, die bisher unbeachtet war: jener Empfänger*innen einer Sozialleistung, die eine geringfügige Zusatzbeschäftigung (und damit bis zu ein Drittel ihres Gesamteinkommens) infolge der Corona-Krise verloren haben, ohne Aussicht auf staatliche Hilfe.

Der Lockdown traf Armutsbetroffene besonders heftig: Sie empfanden (wie viele andere Befragte auch) die Kommunikation der Ausgangsbeschränkungen als unklar. Die Unsicherheit darüber, was verboten sei, führte dazu, dass sich manche kaum ins Freie trauten, auch weil sie die (für sie unerschwinglich) hohen Strafen fürchteten. Armutsbetroffene gehören außerdem wegen ihrer tendenziell schlechteren Gesundheit überdurchschnittlich oft einer Risikogruppe an. Manche verließen im Lockdown nie das Haus und vereinsamten zusehends. All dies verursachte massive psychische Probleme: Ängste, Aggressionen und Depressionen, die im Sommer noch immer da waren. Probleme, die manche bereits seit langer Zeit begleiten, wurden nun (wieder) akut. Die Corona-Krise machte die hohe Vulnerabilität dieser Menschen sichtbar. Er hatte auf ihr Wohlbefinden, aber auch auf ihren Bewegungsradius besonders starken Einfluss. Auch die anderen Befragten litten unter solchen Folgen des Lockdowns, konnten aber besser damit umgehen.

„Da war ein Fenster offen und eine Geigerin spielt, irrsinnig schön, also Mozart und Bach (...). Dann waren immer mehr Leute, sie wollte schon aufhören. Eine Freundin von mir hat gesagt, bitte nicht aufhören, bitte noch eins spielen. Zu Hause ist alles still und zu Hause wartet niemand auf mich und zu Hause bin ich allein. Und sie hat dann noch gespielt und das irgendwie, also mir sind total die Tränen gekommen.“

Was ausschließlich Armutsbetroffene aufgrund der engen Haushaltsbudgets spürten, war die geringfügige, aber stetige Preissteigerung bei Lebensmitteln, vor allem Obst und Gemüse, und die deutlichere zB bei Versandhandel und Gastronomie. Heizkosten schlugen sich zu Buche und billiges Brennmaterial war nicht verfügbar. Auch bemerkten sie bereits früh Beschämungs- und Spaltungstendenzen gegenüber und innerhalb Betroffener. Armutsbetroffene weisen hier ein geschärftes Sensorium auf, weil sie aufgrund ihrer schwachen Position in der Gesellschaft schon kleine Veränderungen am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Das Homeschooling machte armutsbetroffenen Alleinerziehern*innen das Leben schwer: Aus den Schulen erhielten sie keine Unterstützung, die Kinder lernten nicht oder nur widerspenstig, vor allem aber reichte die Computer- und Internetausstattung für den Online-Unterricht nicht aus, speziell in Mehrkindfamilien. Die befragten Mütter äußerten die Befürchtung, ihre Kinder seien noch weiter hinter die materiell besser gestellten
Schulkollegen*innen zurückgefallen, weil dieses Schuljahr de facto verloren sei. Nicht nur das Homeschooling zeigte, dass Armutsbetroffene nicht voll an der Gesellschaft teilhaben konnten, weil ihnen Computer, ein schnelles, stabiles Internet sowie Drucker/Scanner im Haushalt fehlen. Dies war auch für Amtswege, Bewerbungsunterlagen, Studium und nicht zuletzt die Pflege der sozialen Kontakte problematisch.

„Aber insgesamt habe ich einfach gemerkt, dass die schon total zurückfallen. Da habe ich dann auch so das Gefühl, ich gerate halt so ins Hintertreffen und die Kinder geraten so ins Hintertreffen gegenüber Leuten, die vielleicht schon in einer bissl besseren Situation sind. (...) Das ist auch ein Grund jetzt für meine Ängste gewesen, weil ich konnte das überhaupt nicht auffangen eigentlich.“

Alle Befragten traten bei den Ausgaben leise. Allen machte die Unsicherheit über die Zukunft zu schaffen, speziell den Kunstschaffenden und EPU, die ohne ausreichende Engagements bzw. Aufträge für den Herbst und das Jahr 2021 waren. Viele haben bereits ihre Tätigkeitsfelder ausgeweitet und Exit-Strategien erdacht, fürchten aber eine Schwächung ihrer Position gegenüber den Auftraggebern*innen, das heißt nachteilige Vertragsbedingungen und niedrigere Gagen bzw. Honorare.

„Ich bin 45, (...) habe auch studiert, Erwachsenenbildung, habe aber mal im Büro gearbeitet und auch im Handel. Mein Lebenslauf ist jetzt irgendwie ein Fleckerlteppich.Ich habe extrem lange gebraucht, um mein Studium abzuschließen, war für mich eigentlich eine Riesensache, dass ich das dann trotzdem mit drei kleinen Kindern geschafft habe. Aber das ist halt einfach zu spät, um erfolgreich irgendwie in einem Beruf zu sein. (...) Deswegen habe ich schon mehr Ängste, weil jetzt gibt es noch viel mehr Leute, die arbeitslos sind, die Stellen suchen. Und dann ist einfach der Kampf um die Stellen härter. Da gibt es noch viel mehr Leute, (...) bei denen die Berufsbiographie besser ausschaut als bei mir.“

Die wichtigsten, weil unkomplizierten, raschen und stetigen Hilfsleistungen kamen aus dem privaten Umfeld, insbesondere die Eltern der keineswegs jungen Befragten sprangen ein. Die Unterstützung durch soziale Einrichtungen (zB Caritas, Diakonie) gewann ebenfalls an Bedeutung. Die staatliche Corona-Hilfe sorgte gleichermaßen für Erleichterung wie Kritik: Sie habe, als sie ankam, zu großer Entlastung geführt und vor Zahlungsunfähigkeit bewahrt. Die Hilfe sei aber zu spät (zB Überbrückungsfinanzierung für Künstler*innen)
oder noch gar nicht (zB Familienhärtefallfonds) ausgezahlt worden, die Vergaberichtlinien seien unklar bis irreführend. Manche EPU seien überhaupt durch die Maschen des Netzes gefallen.

Erhebung: Armutsbetroffene und die Corona-Krise