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ARMUTSKONFERENZ. Armutsforschung ...

Und raus bist Du!

Die Stärke und die Ohnmacht der Schwachen.

Martin Schenk

Eine Zeit lang wurde Armut als Mangel an Gütern definiert. Bis Amartya Sen kam. Der in Indien gebürtige Ökonom, der für seine Arbeiten mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, argumentierte, dass es auch um die Fähigkeit gehe, diese Güter in Freiheiten umzuwandeln. Und zwar in Freiheiten von Menschen, ihre Vorstellungen von einem guten Leben zu verwirklichen. Güter sind begehrt um der Freiheiten willen, die sie einem verschaffen. Zwar benötigt man dazu Güter, aber es ist nicht allein der Unfang der Güter, der bestimmt, ob diese Freiheit vorhanden ist. Die Möglichkeit, seine Vorstellungen von einem guten Leben zu verwirklichen, hängen auch von gesellschaftlichen Strukturen, Lebensgewohnheiten, sozialen Techniken und dem allgemeinen Reichtum ab. Es genügt also nicht, wenn Äpfel am Baum hängen, sondern ob dem Schwächsten eine Leiter zur Verfügung steht.
Im Alltag der Armen gibt es keine Armutsgrenze. Sie erfahren Armut als Lebenslage des Mangels. Armut bedeutet einen Mangel an Möglichkeiten, um in den zentralen gesellschaftlichen Bereichen zumindest in einem Mindestausmaß teilhaben zu können: Wohnen, Gesundheit, Arbeitsmarkt, Sozialkontakte, Bildung. Armut ist ein Mangel an "Verwirklichungschancen" eines Menschen, ein Verlust an substantiellen Freiheiten.
In diesem Beitrag werden die Mechanismen der Ausgrenzung und des Ausschlusses behandelt und Strategien der Marginalisierten analysiert, ihre Lage zu überwinden.

Ideologie des Sündenbocks, Ideologie der Gewinner
Der "würdige" Arme hat ein Kindergesicht, ist getroffen durch "Schicksal" und erweist sich dankbar gegenüber allem, was ihm zukommt. Der "unwürdige" Arme trägt Schuld, ist widerspenstig oder faul. Die Spaltung in "Würdige" und "Unwürdige" hat schon eine lange Tradition: Am Beginn der Neuzeit steht der Wunsch, daß die Obrigkeit dafür zu sorgen habe, daß die Armen verschwinden und die Armut unsichtbar werde. "Nur nichts verschwenden, am allerwenigsten an Arme, denn letztendlich sind diese selber schuld an ihrem Los. Der Neuzeit, die das große Lob der Arbeit singt, wird der Arme verdächtig. Wenn jeder sein Glück seiner Leistung verdanken soll, wird der, der nicht leisten kann oder will, zum Außenseiter" (Liessmann 1998, S.). Seit dem letzten Jahrhundert schon ist der Armutsdiskurs von zwei Vorbehalten durchsetzt: durch den Verdacht, daß Armut nur Ausdruck von Arbeitsunwilligkeit sei und durch den Versuch, den Anblick von Armut aus den Zentren des öffentlichen Lebens zu verbannen. Resultat waren, wo er sich durchsetzen ließ, Arbeitszwang, Arbeitshäuser und die Stigmatisierung als Sündenböcke an den sozialen Rand der Gesellschaft. Die Ideologie des Sündenbocks sagt: Wenn die nicht wären, wäre alles besser" Die Praxis des Sündenbocks sucht sich die gesellschaftliche Gruppe aus, die mit der geringsten Macht ausgestattet sind, diejenigen ohne Lobby. Zum Sündenbock gehört, daß er sich kaum wehren kann.

Ideologien des Auschlusses wirken wie Drogen. Hat man davon gekostet, verlangt man nach Dosissteigerung. Genug ist nie genug. Es muß die Dosis stets erhöht werden, um dieselbe Wirkung von vorher zu erreichen. Alles, was wir tun, fassen wir in Worte. Sind die Worte draußen, erklären sie die Taten. Sind Taten gesetzt, sind sie durch die Worte legitimiert. Es gibt keine Tat ohne Wort. Politisch geht es darum, den Ausschluß bestimmter Gruppen der Bevölkerung ideologisch vorzubereiten und zu rechtfertigen. Da gehen die Worte den Taten zur Hand.

Wer drinnen und wer draußen zu bleiben hat, ist kein Akt des Zufalls. So hat die deutsche "Bild-Zeitung" eine Serie zu sozialen Frage veröffentlicht. Der Überlebenskampf ist das dominante Motiv der Artikel. Im Überlebenskampf steht das Wir, bedroht und gewissermaßen umzingelt von den Gruppen des Sie, die sich räuberisch und parasitär bereichern. Der "kleine Mann" ist das Wir. Er steht nicht für den Underdog oder sozial Schwachen, sondern für die gesellschaftliche Mitte. Der Politik wird nicht vorgeworfen, daß sie Bedingungen ganz unten verschärft, sondern daß sie symbolische Grenzen ignoriert. Die Grenzen zwischen Wir und Sie sollen befestigt werden, zwischen drinnen und draußen. Es wird sichtbar, daß ökonomische Daten hier weniger wichtig sind als symbolische Grenzziehungen. Die Markierung eines Abstandes zu den anderen ist vielmehr eine Form der Selbstversicherung. Das Abstandsgebot brandmarkt die "Unwürdigen" und versichert die "Würdigen".
Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts market weist als Gruppen die "zu viel kosten" und "übertriebene Privilegien" haben, "Ausländer" und "Arbeitslose" aus. Hingegen werden "Behinderte", "Familien" und "Pensionisten" als am wenigsten bevorzugt und kostenintensiv genannt. Die objektive Situation ist natürlich umgekehrt: Die meisten Ausgaben gehen vergleichsweise ins Pensionssystem, die Familienförderung und in die Behindertenarbeit. Am wenigsten wird für Zuwanderer und Arbeitslose aufgewendet und die Armutsstatistiken weisen diese beide Gruppen als am stärksten von Ausgrenzung bedroht aus.
Die Ideologie des Sündenbocks legt nahe, daß ganze Menschengruppen überflüssig sind. So können von dreien in einem Boot zwei mit Zweidrittelmehrheit beschließen, den Dritten über Bord gehen zu lassen.
Die damit verwandte "Ideologie der Gewinner" sagt: "Jeder kann gewinnen, wenn er nur will". Im Film "Nordrand", der von einander mehr oder weniger zufällig begegnender Lebensgeschichten am Wiener Stadtrand erzählt, träumt der Rumäne Valentin von Amerika, um am Ende erst wieder nach Rumänien zurückzumüssen. .Jasmin träumt vom Prinzen und schaut Aschenputtel, während der Vater im Nebenraum die Schwester begrapscht. "Wenn das Versprechen gebrochen wird, lebst du weiter", heißt es bei Bruce Springsteen, "aber es stiehlt etwas aus der Tiefe deiner Seele". Der versprochene Traum, daß alle gewinnen, wenn sie nur wollen, ist eine Lüge. Der Arbeiter in Springsteens Song schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, einmal dort, einmal da. Ich folgte dem Traum, den die Leute am Fernsehschirm hochhalten", sagt er. "Jeden Tag wird es härter, diesen Traum zu leben, an den ich glaube. Ich fühle mich, als würde ich den gebrochenen Geist aller tragen, die verloren haben."

Im Zug von Salzburg nach Wien. Der Speisewaggon ist bummvoll. Ein junger Mann setzt sich auf den einzig freien Platz. Für einige Minuten lauscht er dem Gespräch am Tisch, das sich um Arbeitslosigkeit, Armut und dergleichen dreht. Dann wird es ihm augenscheinlich zu bunt. "Die meisten arbeiten nix", wirft er ein. Ich sage Ihnen, das Problem ist halt, daß die nichts leisten wollen", wiederholt er noch einmal. De Debatte zieht sich noch weiter bis Wien. Wir erfahren, was Erfolg ist und wie man es schafft. Als einer am Tisch sagt, daß viele sich in ihrem Alttag abmühen und trotzdem nicht die winner sind, stutzt der junge Mann. Die zwei Bier haben das übrige getan. "Ich weiß zwar nicht, warum ich euch das erzähle", beginnt er, "aber ich werde in den nächsten Tagen Konkurs anmelden müssen. "Er ist Besitzer eines traditionsreichen Geschäfts in der Salzburger Innenstadt. "Morgen wird`s in der Zeitung stehen. "Das kleine Handelsunternehmen hat er von seiner Mutter bereits mit Schulden übernommen. In den letzten Jahren ging es auf und ab. Jetzt ist der Punkt , an dem das Scheitern öffentlich wird.
Nicht alle Geschichten haben eine solche Pointe. Ein Mittelschichtler, der einen Karrieresprung nicht schaffte, hält sich für ein besonders benachteiligtes Opfer "des Systems", gegen das er auf einmal revolutionäre Leidenschaften entwickelt. Und zahlreiche österreichische Rentnerinnen sitzen im Pensionistenklub und geben den Kosovaren die Empfehlung mit auf den (Heim)Weg: Uns hat auch niemand geholfen. Da geraten die Maßstäbe völlig durcheinander, mit dem eigenes und fremdes Leid "gemessen" werden.

Der Scham des nackten Körpers in den 50er Jahren ist die Scham des Versagens gewichen. Das ist es,was es am besten zu verbergen gilt: die Schande, es nicht geschafft zu haben. "Die neue Armut schockiert auch deshalb, weil sie die Ideologien von Lebensplanung, wie sie sich seit den Zeiten des Wirtschaftswunders tradiert werden, durchstreicht. Denn das Wesen der neuen Armut besteht darin, dass sie ein Prozeß der Verarmung ist. Schichten, die bislang für sich und ihre Kinder nur die Perspektive des Aufstiegs kannten, sind nun plötzlich mit dem Abgrund des Abstiegs konfrontiert. Die Kehrseite der allgemeinen Mobilität der Gesellschaft ist die Abstiegsmobilität." (Liessmann 1998, S.).
Könnte es nicht sein, daß die großen Enttäuschungen nicht wahrgenommen werden, da überhaupt keine Enttäuschung wirklich respektiert wird; oder alle Enttäuschungen beschwichtigt und in trügerische Hoffnungen umgebogen werden? Es darf die Erinnerung an den Moment der Schwäche nicht geben. Anstelle des Augenblicks der Enttäuschung tritt seine Heroisierung.

Sozialer Abstand
Norbert Elias und John Scotson (1990) untersuchten in einer englischen Kleinstadt die soziale Gruppenbildung und stellten fest, daß eine scharfe Linie der sozialen Differenz zwischen den Alteingesessenen und einer Gruppe von Arbeiterfamilien gezogen wurde, die sich dort erst vor 20 Jahren angesiedelt hatte. Die Trennlinie verlief durch die Wohngegend, die Clubs und Kneipen, die Bekanntschaften und Freundschaften; sodaß auch nach 20 Jahren nicht eine einzige Heirat zwischen Angehörigen der beiden Gruppen zustande gekommen war. Die "Etablierten" besetzten alle formellen und informellen Machtpositionen der Gemeinde und verteidigten sie unerbittlich gegen die "Neuen". Im Zuge dieses Zusammenrückens und der Abwehr gegen die anderen wurden die anderen zu "Fremden" gemacht: Sie galten als die Unmoralischen, die Unsauberen, die Unordentlichen, die Gefährlichen. Die dominante Gruppe forderte allerdings von ihren Mitgliedern eine rigide Anpassung an ihre Gruppennormen in Form von Selbstdisziplin, Einheitlichkeit der Ansichten und des Lebensstils. Die Unterwerfung unter die Gruppennorm war gewissermaßen der Preis für den privilegierten Zugang zu Machtpositionen. Der Selbstzwang "bietet Status- und Machtprämien zum Ausgleich für die auferlegten Versagungen und den relativen Verlust an Spontaneität". (Elias u. Scotson 1990, S.243)

"Der ist gekommen, hat im Nu eine Eigentumswohnung gehabt, hat ein Geschäft aufgemacht, hat drei, vier Autos schon, jetzt soll er ein Haus auch schon haben. Da stimmt ja was nicht:", sagt ein Diskussionsteilnehmer. in einem Forschungsprojekt über "Schimpftratsch" .(Gotsbachner 2000, S.35) Handys oder große Autos: alles Insignien, die ansonsten -über zur Schau gestellten Konsum- gesellschaftliche Prosperität signalisieren, werden für bestimmte Personen nicht als legitim angesehen. Es ist typisch für Diskurse über minderprivilegierte Schichten, daß die dominante Perspektive ihre Aufstiegsbemühungen und -erfolge hauptsächlich unter dem Aspekt von Ilegitimität betrachtet. In den Gesprächen geht es durchgehend um die Kontrolle der sozialen Distanz und darum, die eigene übergeordnete Position zu unterstreichen. "Es geht weniger um die Beobachtung oder Erklärung von Fakten als darum, was wem zusteht. Es geht um die Verteidigung sozialer Hierarchie." (Gotsbachner 2000, S.35)

"Nachdem seine unvergleichliche Andersartigkeit zur höchst vergleichbaren Habenichtsigkeit degradiert wurde, geht eine neue Gefahr von ihm aus: Die Drohung, daß die andern, die Rückständigen ihre Zurückgebliebenheit aufholen wollen, daß sie nicht so sein wollen wie wir, sondern vor allem das Gleiche haben wollen, denn darin liegt ja offenbar das Geheimnis ihrer Unterlegenheit" (Gronemeyer 1996, S.157)). So wird Fremdes wahrgenommen, nicht als Bedrohung der Eigenart, sondern als Bedrohung des Eigentums. Ausländerfeindlichkeit steigt nicht mit der Zahl der Ausländer, sondern mit der Zahl der einkommensschwachen Ausländer-Haushalte. So macht Armut fremd, nicht die Kultur. Kulturelle Unterschiede bzw. Fremdheit zwischen Gesellschaften gibt es zweifellos. Sie begründen jedoch im allgemeinen keine Kommunikations- oder Vertrauensprobleme. Vielmehr ist bei ähnlichen Einkommensniveaus eine Annäherung der Wertvorstellungen zu beobachten. Der Vertrauensvorschuß gegenüber einer Person ähnlichen Wohlstands aus einen anderen Land ist sicher höher als der Vertrauensvorschuß gegenüber einer Person mit geringerem Einkommen aus dem eigenen. "
"Beobachtbar sind soziale Unterschiede nicht vorrangig an Einkommensniveaus, sondern an den Verbrauchsmustern. Wenn verschiedene Populationen dieselben Einkommen, aber unterschiedliche Konsum- und Sparmuster haben, dann erleben sie sich als soziale verschieden, wobei eine hohe Sensibilität für kleine Unterschiede vorhanden ist. Notwendig ist also nicht nur, dass Personengruppen über ähnliche Einkommen verfügen, sondern dass sie darüber auch in ähnlicher Weise verfügen können." (Gächter)
Es geht darum, wer drinnen und wer draußen ist. Es geht um Grenzen. Nicht um Staatsgrenzen allein. Die Grenze wird jetzt ins Land vorgerückt, durch die Kindergärten gezogen, durch die Schulen, die Gesundheitsstellen, die Wohnbezirke. Die Grenze schneidet sich den Weg durch die Körper, durchs Herz hinein in den Kopf und zurück. Wie ein Siziermesser trennt sie, sehr sauber, die einen von den anderen. Die Nützlichkeitsgrenze gibt die ökonomisch Brauchbaren ins Töpfchen, die Unnützen ins Kröpfchen. Der Virus wird an der Gesundheitsgrenze abgefangen, um den gesunden Volkskörper zu schützen. An der Unschuldsgrenze scheidet sich der Kriminelle vom Braven. Entlang der Reinheitsgrenze wird der weiße Schnee vorm Ruaß bewahrt. Die Belastungsgrenze schließlich trennt das bedrohte Ökosystem vom Rest. "Ausländer" finden sich überall. Bevorzugt jenseits der Grenze mitten im Land.
Fremdheit ist ja nicht eine Eigenart des anderen. Sie entsteht vielmehr dadurch, daß das andere als Fremdes wahrgenommen und anerkannt wird. Die Faustregeln lauten:
(a) Man erkennt sie am Gesicht. (b) Ausländer sind Personen aus den ärmeren und armen Regionen der Erde. (c) Je geringer das Bruttoinlandsprodukt des Herkunftslandes, desto größer die Ablehnung (d) Je länger der soziale Unterschied im Zielland bestehen bleibt, desto größer die Ablehnung. Rassismus steigt nicht mit der Zahl der "Ausländer", sondern mit der Zahl der einkommensschwachen Ausländer-Haushalte. Das neue Rassenmerkmal zur Unterscheidung der Menschen in gute und schlechte ist: das Geld. Wer es hat, der ist kein Fremder, wem es abgeht, der wird zum Fremden.
"Ausländerfeindlichkeit" tritt unabhängig von der sichtbaren Anwesenheit von "Ausländern" auf. Ob Ottakring oder das "ausländerfreie" Kaisermühlen, die Ablehnung ist gleich hoch. In Ost-Deutschland ist Rassismus um wesentliches höher als in Westdeutschland. Nur gibt´s im Osten keine "Ausländer". Und die höchste Arbeitslosenrate haben in Österreich die Bundesländer mit den niedrigsten "Ausländeranteilen". Oder die BewohnerInnen des Neustadtviertels in Linz schätzen den Ausländeranteil in ihrem Stadtteil auf 26% (real 17%), während die BewohnerInnen von Alt-Urfahr diesen mit 16% sogar für niedriger halten als den realen Wert für ihren Stadtteil (real: 19%). Mehr als die Hälfte der BewohnerInnen des Neustadtviertels (55%) beurteilen den Ausländeranteil in ihrem Stadtteil als zu hoch. In Alt-Urfahr ist dies nur etwas mehr als ein Viertel (28%). (Dornmayr 1999, S.132)a
Um "Ausländer" geht es auch gar nicht. Um Angst nur zum Teil. Es geht um Kontrolle des sozialen Abstands. Es geht um "Rebellion" Es geht um die Demonstration von Macht. Ideologien des Ausschlusses stützten sich ja nicht nur auf die Abwertung der anderen, sondern auf die Phantasie, diese anderen könnten uns überlegen sein. Es geht darum, über andere zu verfügen. Denn der andere genießt auf unsere Kosten. Er genießt, und ich darf nicht.

Trübsinnige Leidenschaft: die Eifersucht
Eifersucht ist die Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft. "Wenn sich jemand vorstellt, daß das Ding, das er liebt, sich einem anderen mit dem selben oder mit einem engeren Freundschaftsband verbindet, als mit dem es ihm bisher allein zugehörte, so wird er das geliebte Ding selbst hassen und jenen anderen beneiden" (Spinoza 1976, S.140).
"Um eifersüchtig zu sein und einen anderen zu beneiden, muß man das Objekt, das der andere hat, schon hassen. Man muß begonnen haben, sich im Verzicht auf dieses Objekt zu gefallen. Erst dann kann man den neuen Objektbesitzer beneiden" (Pfaller 2000, S.49). Und weiter: "Weil sie das Glück selbst zu hassen begonnen haben und es in diesem Haß verkleidet genießen, brauchen sie die Fiktion des anderen als eines echten Besitzers des Glücks, den sie dann genauso hassen wie dieses Glück. Denn sie dürfen sich ja nicht eingestehen, daß sie selbst den Haß auf das Glück dem Glück vorgezogen haben" (Pfaller 2000, 50).
Im Flüchtlingsheim begannen die Asylwerber ihre Wäsche aus dem Fenster im Hof zu hängen. Wütende Beschimpfungen der Nachbarn waren die Folge. Die Ablehnung der Flüchtlinge entbrannte am Punkt der im Wind flatternden naßen Kleidungsstücke. Nach einigen Monaten sah man die ersten ausziehbaren Wäschevorrichtungen auch vor anderen Fenstern. Daß es hier nicht vorrangig um Angst geht, ist offensichtlich. Die Wäsche im Freien zu trocknen, dürfte den Einheimischen vertrauter sein als sie es sich zugeben konnten. Der Verzicht auf das, was man selber auch gerne täte, bewirkt die Ablehnung des geliebten Objekts und die Ablehnung seines Besitzers.
Spinoza hat diese Art verkleideter Lust in der offenkundigen Unlust als "trübsinnige Leidenschaft" bezeichnet. "Daran zeigt sich auch der Grund, weshalb trübsinnige Leidenschaften immer aggressiv sind. Sie verbinden sich immer mit Projektionen, die das Glück anderswo ansiedeln als dort, wo es in verkleideter Form bereits erfahren wird" (Pfaller 2000, 50).
Die Eifersucht sagt: "Der andere genießt auf unsere Kosten". Das heißt auch: "Der andere genießt, und ich darf nicht."
Auf der Leserbriefseite der Tageszeitungen findet man zu Lesen: "Die Türken lümmeln sich in unseren Parklandschaften, wo früher kein Österreicher den Rasen betreten durfte".
Hier wird der Verzicht auf das, was man gerne selber täte, offensichtlich. Es ereignen sich zwei Dinge. Zum einen die Ausblendung des eigenen Wunsches zum anderen die Unterordnung unter die Instanz, die diesen Verzicht anordnet.
Im besitzanzeigenden und homogenisierenden "unser" positioniert sich das Individuum als bestimmendes, über den Park entscheidendes Subjekt, im distanzierten "kein Österreicher" werden einmal die anderen als Nicht-Österreicher definiert, aber gleichzeitig wird benannt, daß andere das Verbot ausgesprochen haben, dem der Sprechende sich unterworfen hat. Es waren offensichtlich nicht wir, die entschieden, daß niemand unseren Park betreten sollte. Die Parklandschaft wird gegenüber dem Fremden als Eigentum reklamiert, aber zugleich im Verhältnis zur eigenen Person als fremd angesprochen. Nora Räthzel hat dieses Phänomen als "rebellierende Selbstunterwerfung" bezeichnet. Im Brief heißt es weiter, dass sich die Türken "lümmeln". Das hat einen hohen emotionalen Klang. "Das ungelebte, für unmöglich gehaltene Leben wird von den `Fremden` gelebt und erscheint somit als möglich".(Schiesser 1998, S.5)
Im Unheimlichen äußert sich etwas, das "im Verborgenen hätte bleiben sollen und hervorgetreten ist".(Freud 1919, S.264) Das Unheimliche ist gerade nicht jenes absolut Fremde als das wir es gerade erleben. Es ist vielmehr das heimlich Vertraute. So rührt das Unheimliche an etwas in uns, das auf eine beunruhigende Weise schon vertraut ist. Das Fremde ist Ausdruck des Eigenen. Fremde sind wir uns selbst. Nicht Fremdheit macht aggressiv, sondern die Feindseligkeit anderen gegenüber macht sie uns fremd.


Bilder von Armut
Die Bilder von Armut sind schwer zu fassen. Armut ist gleichzeitig aufdringlich und unsichtbar, laut und verschämt. Den Bildern vom "tragischen Armen" stehen jene des "glücklichen Armen", dem "unechten Armen" die des "edlen Armen" gegenüber.
Armut ist nicht nur Entbehrung, sondern auch Demütigung. Zwar sind die Betroffenen von den materiellen Segnungen des modernen Wirtschaftssystems gründlich ausgeschlossen, nicht aber von diesem System selbst. Vielmehr sind sie seinen Zwängen am meisten ausgeliefert: gerade jene, die liegengelassen wurden, werden nicht mehr losgelassen. Die am meisten Ausgeschlossenen sind die am meisten Eingeschlossenen.
Armut ist eine Tugend, sagen die, die nichts dafür geben würden, selbst am Rand zu stehen. Das liebliche Bild vom Heiligen Franz vor Augen, der mit Vögeln auf den Schultern durch üppige Kornfelder schreitet. Freiwillig gewählte Armut braucht einen Status, der den Verzicht zur Entscheidung erhebt. Unfreiwillige Armut sieht anders aus.

Formen des Umgangs mit Benachteiligten sind die Haltung der Sprachlosigkeit, das Nichtanhören, Nichtberücksichtigen, Nichtfragen und das Absprechen der eigenen Handlungsfähigkeit. Daraus folgt das Aberkennen eines Anspruchs auf Freiräume und auf Freizeit, leichtere Kriminalisierung, Verweigerung des Zugangs zu bestimmten "reservierten" Räumen, oder umgekehrt das Abdrängen bestimmter Gruppen in bestimmte Räume z.B in Form städtischer Ghettobildung, Verdrängung aus dem öffentlichen Raum.
Von Armut Betroffene haben in der Regel wenig Möglichkeiten, sich öffentlich zu artikulieren. Die einen machen sie zum verewigten Opfer, das als Objekt solidarischen Handelns zur Verfügung steht, zur Spendenbüchse instrumentalisiert. Die anderen lehnen zwar diese Form der Moralisierung ab, erwecken aber den Eindruck, als ginge es bloß darum, den verschiedenen Lebensformen unserer Gesellschaft eine weitere hinzuzufügen. Armut als Life-style.
"Die Welt ist weder gut noch schlecht. Sie ist ganz einfach wie sie ist", schreibt eine Journalistin über die Armenviertel Mexico Citys. Die Ästhetisierung von Armut verharrt dabei letztendlich im selben Grundmuster wie ihre Moralisierung: Dort erobernde Fürsorge, da der erobernde Blick. Wenn die moralische Keule geschwungen wird, ergeht sich die Öffentlichkeit in ritualisierter Betroffenheit und schämt sich des Tages -und das war`s dann auch schon. Das Interesse an der richtigen Gesinnung scheint proportional zum Desinteresse an den sozialen Bedingungen zu sein.

Die Stärke der Schwachen
Solidarität wurde ursprünglich als direkte Alternative zur Wohltätigkeit entwickelt, von "den Schwachen" untereinander gegen "die Starken" praktiziert. Solidarität bedeutet immer auch Mißtrauen gegenüber Wohltätern von oben und außen. "Die Schwachen" brachen aus ihrer Situation der Angewiesenheit aus und verweigerten sich der Anerkennug durch "die Starken". Im Jammertal unverbindlicher Appell-Moral jedoch bleiben "die Schwachen" schwach und dem Vergleich mit den Gewinnern weiterhin ausgesetzt.

Die zentrale Geschichte des Helfens, die karitatives und humanitäres Engagement in diesen Breiten seit Jahrhunderten legitimiert und motiviert, ist das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Räuber lassen einen Reisenden halb tot im Straßengraben zurück. Jetzt beginnt die Geschichte noch einmal: Ein Mensch bleibt stehen. Er packt den Verletzten auf seinen Esel und bringt ihn zum nächstgelegenen Gasthof. Bezahlt, versichert sich, dass gesorgt ist, und kündigt an, auf dem Rückweg noch einmal vorbeizuschauen. Dann geht der Mann aus Samaria seiner Wege. Also kein seich selbst verzehrender Helfertyp, kein gutmenschlicher Gesinnungsakrobat. Einfach: Unsere Wege haben sich gekreuzt, ich habe das Not-wendende getan, ich sichere die Rahmenbedingungen, dass du dich erfängst, ich komme wieder vorbei. Und dann die Frage des Nazareners: "Wer war dem Überfallenen der Nächste?" Nicht: An wem soll ich Nächstenliebe üben? Hier findet ein radikaler Perspektivenwechsel statt, bricht ein anderer Blick in die Geschichte ein. De Frage stellt sich aus der Sicht des in Not Geratenen: "Wer ist mein Nächster?" Mit den Augen des Opfers.
Das unterscheidet sich nun radikal vom Samariter des völkischen Abendlandes, der Opfer braucht -Sündenbock Opfer, um zu sehen. Das unterscheidet sich radikal vom bevormundenden humanitären Gesinnungshandeln, das Opfer braucht - als ständiges Opbjekt erobernder Fürsorge.

Wer das Wort ergreift, hat etwas zu erzählen. Wer jemand ist oder war, können wir nur erfahren, wenn wir die Geschichte hören, deren HeldIn er oder sie ist. Das Wort zu ergreifen, heißt nicht fürsprechen, sondern selbstsprechen. Wenn Ausgeschlossene die eigene Lebenswelt in die Sichtbarkeit tauchen, schaffen sie einen Ort, von dem aus sie sprechen können. Der Vorhang öffnet sich zu einer Bühne, auf der die eigene Geschichte eine eigene Deutung- und zugleich Bedeutung - erfährt. Das Unspektakuläre des eigenen Lebens bekommt eine Bühne und wird besonders. Die das Wort ergreifen, können zur Sprache bringen, wer sie sind -und wer sie sein können.

Der erste Schritt ist meist, eine Identität spür- und sichtbar zu machen, die sich dem Vergleich mit den Gewinnern verweigert. Niemand definiert sich auf Dauer gerne als "arm" oder als "Verlierer".
So entstehen Orte, von denen Ausgeschlossene zu sprechen und zu handeln beginnen. "Erst durch das gesprochene Wort fügt sich die Tat in einen Bedeutungszusammenhang", scheribt die Philosophin Hannah Arendt. "Dabei erklärt das Wort die Tat nicht, sondern das Wort identifiziert vielmehr den Täter und verkündet, dass er es ist, der handelt, nämlich jemand, der sich auf andere Taten und Entschlüsse berufen und sagen kann, was er weiterhin zu tun beabsichtigt".
Dabei geht es zunächst um gemeinsames Tun in einer spezifischen Öffentlichkeit jenseits von Parteien, Institutionen oder Kirchen. Um Formen von kollektivem Handeln, die sich konkret in den Lebenslagen der Betroffenen verorten, in spezifischen Kulturen und Lebensstilen. Obdachlose und ihre Freunde sammeln sich um die Straßenzeitung Augustin, Zuwanderer-Kids treten mit Hip-Hop auf, MigrantInnen veranstalten Filmwochen und halten Vorträge, arbeitslose Jugendliche stellen sich im Videofilm dar, Alleinerzieherinnen schließen sich zur gegenseitigen Unterstützung zusammen. Da werden Orte erobert und interpretiert. Öffentliche Räume werden als Bühnen beleuchtet -und sie werden gemeinsam "bespielt". Um das Definitionsmonopol der Mächtigen zu brechen, werden Begriffe des Gegenübers neu besetzt und für die eigene Gruppe übernommen. Ausländische Musiker treten als "Tschuschenkapelle" auf, obdachlose Alkoholiker nennen ihr Wohnhaus "Tschecherantenheim".

Diskurse der Unzufriedenheit und Widerstandspraktiken
Um ihre Forderungen gegenüber der Gesellschaft zu artikulieren und durchzusetzen, schließen sich Menschen, die arm sind, zwar nur ganz selten zu kollektiven, massenhaften Aktionen zusammen. Sie eignen sich jedoch gut funktionierende Praktiken des Widerstands an und entwickeln Diskurse der Unzufriedenheit. Auf dieser Grundlage bilden und festigen sie eigene, unabhängige soziale Netze.
Der englische Soziologe und Ethnologe James Scott analysiert, wie und warum Ohnmächtige "Methoden entwickeln und einsetzen, die von Absentismus, d.h individueller Abwesenheit, bis hin zu "banditry" reichen, indem sie sich z.B. nicht an Vereinbarungen halten, Sachen stehlen, die Arbeitsleitung verlangsamen oder minderwertige Arbeit liefern, Verleumdungen ausstreuen oder kleine Sabotageakte ausüben".
Bill Jordan -von Beruf Sozialarbeiter, später Aktivist in der englischen Armenbewegung und heute bekannt als Sozialwissenschafter - hat sich die Beobachtungen von Scott zu Nutze gemacht. Er hat die Scottschen Erkenntnisse mit seinen eigenen Erfahrungen verglichen und ist zu folgenden Ergebnissen gelangt:
Die sogenannten Klienten von sozialen Diensten weisen in den seltensten Fällen diejenigen Ansichten zurück, de ihnen von den professionellen SozialarbeiterInnen als Problemanalyse vorgesetzt werden. Andererseits sind sie aber durchaus in der Lage, die Ziele der Behörde oder des sozialen Dienstes geschickt zu unterlaufen und innerhalb des Rahmens die ihnen aufgeherrschten Rollen und zugestandenen Rechte die eigenen Zwecke und persönlichen Interessen zu verfolgen. Sie akzeptieren also das Label, das ihnen zugeschrieben wird, aber innerhalb der Etikettierung versuchen sie mit einigem Geschick, ihre persönlichen Bedürfnisse und eigenen Interessen zur Geltung zu bringen.

Unterschichtsrevolten hat es während der gesamten Neuzeit oft in England und Frankreich gegeben. In Bordeaux gab es zwischen 1600 und 1648 nicht weniger als 17 Aufstände, berichtet der Historiker Martin Rheinheimer, weitere 21 zwischen 1653 und 1725.
"Sowohl Steuer- und Getreidepreiserhöhungen, durch die sich die Bevölkerung in ihrer materiellen Basis bedroht sah, konnten der Auslöser sein; mitunter reichte das bloße Gerücht. Die aufbrechenden Existenzängste konnten dann schnell beispielsweise in die gewaltsame Entladung von ankommenden Schiffen münden. Wenn es der städtischen Obrigkeit nicht gelang, die aufgeputschten Emotionen durch rasche, meist nur symbolische Maßnahmen wieder unter Kontrolle zu bringen, kam es auch zu Geiselnahmen, dem Sturm auf das Rathaus, Brandstiftung im Stadtarchiv oder Plünderungen des Steuerbüros.
(...) Die Mehrzahl der ländlichen Revolten richtete sich im 16. und 17.Jahrhundert gegen die Einhegung von Gemeindeländereien und die Einschränkung von alten Nutzungsrechten oder die Erhöhung von Diensten, Abgaben und Steuern. Getragen wurden solche Unruhen meist von den besitzenden Bauern. In Deutschland traten Unterschichtsproteste erst nach 1790 häufiger auf. Berühmt wurde der Aufstand der schlesischen Weber von 1844.
(...) Seit dem 18.Jahrhundert wandte sich der Unterschichtenprotest wegen der drohenden Arbeitslosigkeit verstärkt auch gegen die Konkurrenz der Manufakturen und Fabriken. 1777 stürmten die Nadlergesellen in Iserlohn die Waisenhausmanufaktur und zerstörten Werkzeuge und Maschinen
(...) Im 19.Jahnhundert hatten sich die alten Strukturen der Ständegesellschaft so weit aufgelöst, war die Pauperisierung so weit fortgeschritten, dass die gemeinsame Erfahrung der Bedrohtheit und des Mangels Solidarisierungen der Unterschicht insgesamt möglich machte und eine Klasse entstehen konnte, die sich über die ökonomische Stellung ihrer Mitglieder, gemeinsame Interessen und ein entsprechendes Bewusstsein definierte.
(Martin Reinheimer, 2000, S 46-47)

So schwierig es für marginalisierte Gruppen ist, sich zu solidarisieren, manchmal gelingt es. In Frankreich und Deutschland haben sich 1997 Erwerbslose organisiert und öffentliche Aktionen geplant. Der Sozialwissenschafter Pierre Bordieux hat das als "soziologisches Wunder" bezeichnet. Schon 1830 waren es in Paris Arbeitslose -zum großen Teil solche, welche aus den Druckereien liberaler Zeitungen entlassen worden waren -, die den Protest begannen. De Pariser Juniaufstand war ausschließlich eine Rebellion der Arbeitslosen. Auch im 20.Jahrhundert gab es relevante Arbeitslosenbewegungen, etwa die Selbsthilfebewegungen in den USA während der Weltwirtschaftskrise.
Die Bürgerrechtsbewegung Martin Luther-Kings verweigerte den Gesetzen der white winner die Gefolgschaft und inszenierte diesen Bruch als mutigen Akt des Widerstands. So können sich Ohnmächtige in eine, wenn auch oft symbolische, Position der Stärke bringen. Es gelang sogar große Teile der weißen Mittelschichten des Nordens für die Beseitigung diskriminierender Gesetze zu gewinnen.


Verwirklichungschancen
In den USA geht die Hälfte des Wahlvolkes wählen, die Armen bleiben daheim. Demokratie funktioniert auch ohne "die da unten". Alle Studien weisen darauf hin, daß Menschen am Rand der Gesellschaft sich tendenziell aus allen öffentlichen und politischen Zusammenhängen zurückziehen. Armut isoliert. 48% der Armen in Österreich verzichten auf Einladungen zu sich nach Hause, aber nur 7% der nichtarmen Bevölkerung. Nur 27% von Armut Betroffener sind Mitglied in irgendwelchen Vereinen, aber 44% de Restbevölkerung. Armut ist Stress und führt zu immenser Zeitverknappung. In den unteren Einkommensschichten, dort wo jeder Schilling, der verdient wird, für das Überleben ausgegeben werden muß, dort ist man mit dem Alltag beschäftigt. Da bleibt keine Zeit für politisches Engagement, fürs Zeitungslesen, für Vereine. Kinder müssen gut versorgt werden -auch mit wenig Geld. In veramten Wohnmilieus ist ein völliger Ausfall der Nachbarschaftshilfe festezustellen bei gleichzeitiger Distanzierung und Abgrenzung von den übrigen HausbewohnerInnen. Wenn es Anknüpfungspunkte für Kontakte gibt, dann sind das Kinder oder gemeinsame ökonomische Entwicklungen wie Arbeitslosigkeit oder Sozialhilfestatus. Gleichzeitig erfahren die von Armut Betroffenen eine Distanzierung früherer Freunde und distanzieren sich wiederum selbst von Milieus, denen sie nicht angehören wollen (aber es in Wirklichkeit schon längst tun).

John Kennet Gailbraith bilanzierte 1992 im Vorfeld der amerikanischen Präsidentenwahlen: "Die Wohlhabenden haben weitgehendst ein Monopol auf alle politischen Rechte; die Armen und sozial Benachteiligten, die in den Slums hausen, finden in den großen Parteien niemanden, der sich ihrer Bedürfnisse annehmen, der sich mit ihrem Unglück identifizieren würde und den Willen hätte, die Verhältnisse zu ändern.(...) Unsere Demokratie ist für jene da, die eigentlich nur deshalb zu den Wahlurnen gehen, weil sie ihre gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Pfründe verteidigen wollen. Auf diese Weise wird eine Regierung gewählt, die sich nicht an der Realität orientiert und an den gesellschaftlichen Erfordernissen, sondern am Weltbild der Zufriedenen, die jetzt eben die Mehrheit der Wähler stellen." (Gailbraith 1992a: 136)

Wer sich nicht wehrt, ist nicht viel wert. "Speed" gibt es dort, wo große Interessen dahinter stehen - "slow motion" aber, wo Menschen keine Lobby haben. Die Begriffe "Reform" und "Modernisierung" bleiben auf die durchsetzungsfähigen Segmente der Gesellschaft beschränkt. In den Bereichen, in denen sich Interessen schwer organisieren, herrscht Reformverweigerung.
Erfahrungsgemäß hat jede politische Partei ihre "Lieblingsarmen"; zur Zeit sind es kinderreiche Familien oder Behinderte, die dann gegen andere benachteiligte Gruppen wie Zuwanderer, Suchtkranke oder schwierige Jugendliche ausgespielt werden. Die Vorstellung vom Armen als "guten, reinen und immer dankbaren Menschen" führt zu einer verqueren Moralisierung des Sozialen. Für eine erfolgreiche Armutsbekämpfung braucht es aber eine ganzheitliche Sicht, die einer Politik der Spaltung entgegentritt - gerade dort, wo Menschen sind, die keine Lobby haben.
Im Engagement gegen Armut geht es in Anlehnung an Leiprecht (1997) um eine strukturell politische Ebene, um entsprechende Gesetzesänderungen und strukturelle Gleichstellung; um die Herstellung von Gegenöffentlichkeit, um einen Kampf der Bedeutungen, um öffentliche Kritik und politische Aktionen; um das Eingreifen in die Felder, in denen Bedeutungen gemacht werden (also in der Wissenschaft und Medien). Es geht darum von Ausgrenzung und Armut betroffene Gruppen in eine "Position der Stärke" zu bringen und ein Eingreifen in allen Situationen des Alltags, in denen Menschen an den Rand gedrängt, beleidigt und diskriminiert werden. Nicht zuletzt geht es auch um eine kontinuierliche Selbstreflexion, bei der stets zu prüfen ist, ob sich aus dem eigenen Engagement nicht eine neuer Paternalismus entwickelt hat. Schließlich -und nicht zletzt - geht es um die subjektbezogene Arbeit mit einzelnen und Gruppen in Pädagogik und Weiterbildung und um die Unterstützung der Selbstorganisation Benachteiligter.
So geht es bei Maßnahmen gegen Armut und soziale Ausgrenzung um eine Sozialpolitik, die die Betroffenen nicht wohlfahrtstaatlich bevormundet, sondern ihre Freiheitsmöglichkeiten vergrößert. Wie eine Gesellschaft mit den "Ausgegrenzten", den "Anderen" umgeht, -seien es Arme, Migranten, Langzeitarbeitslose,...-, ist so etwas wie ein Seismograph für ihren inneren Zustand, nicht zuletzt für ihre Neigung zu Autoritatismus und einer Politik des Sündenbocks. Darum geht es beim Engagement gegen Armut nicht bloß um sozialen Ausgleich, sondern gleichzeitig auch um das Maß an Freiheit im Land.

Dieser Artikel ist erschienen in: Etzlstorfer, Hannes (Red.) (2002): Armut. Katalog zur 298. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien, S.41-55

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