ARMUT IN ÖSTERREICH Working poor
Arm trotz Arbeit
230 000 Personen armutsgefährdet trotz Arbeit. Davon 97 000 manifest arm. Sozial ist nicht nur das, was Arbeit schafft, sondern Arbeit, die vor Armut schützt.
"Jenen Interessen nachzugeben, die einen Niedriglohnsektor
mit Arbeit um jeden Preis forcieren, bedeutet eine soziale Zeitbombe
auf den Weg zu bringen. Jetzt schon leben 230 000 Menschen in Österreich
in Haushalten, in denen der Verdienst trotz Erwerbsarbeit nicht reicht, um
die eigene Existenz -und die der Kinder- zu sichern.", zitiert die ARMUTSKONFERENZ
die aktuellen Daten der Statistik Austria. Davon sind 97 000 manifest arm,
d.h. die Betroffenen weisen einen schlechten Gesundheitszustand auf, leben
in feuchten, schimmligen Wohnungen, etc. Von ihnen arbeiten 68 000 Vollzeit.
Von den "unregelmäßig Beschäftigten"
sind 16% armutsgefährdet, Personen mit "Teilzeit weniger als 12
Stunden" 24% und bei Menschen mit "35h Wochenarbeitsstunden für
weniger als 1000 Euro Brutto" sind 22% armutsgefährdet.
Tabelle:
Armutsgefährdung in prekären Beschäftigungsformen
Die Richtsatzergänzungen in der Sozialhilfe, das sind jene Leistungen, die auch bei zu geringem Erwerbseinkommen ausbezahlt werden, haben in den letzten Jahren rasant zugenommen.
"Sozial ist nicht nur das, was Arbeit schafft, sondern
Arbeit, die vor Armut schützt.", so das Anti-Armutsnetzwerk. "Ein
niedriges Erwerbseinkommen schlägt sich auch in nicht-existenzsichernden
Sozialleistungen bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und in der Pension nieder."
"Wer sein Leben lang in prekären Jobs arbeitet, wird keine existenzsichernde
Pension zusammenbekommen, das Arbeitslosengeld und die Notstandshilfe sind
so gering, dass man im Falle von Jobverlust davon keinen Tag überleben
kann.
In Österreich sind über 100 000 Menschen nicht krankenversichert,
das sind fast 2% der Wohnbevölkerung, die aufgrund ihrer prekären
sozialen Lage nicht wissen, was sie mit ihren geringen Mitteln zuerst zahlen
sollen: Miete, Lebensmittel oder Krankenversicherung?
Im Sozialstaat rheinisch-korporatistischer Prägung wie in
Österreich setzen sich prekäre Arbeitsverhältnisse und nicht
durchgängige Erwerbsbiographien ungebrochen in den Systemen sozialer
Sicherung fort. Dem stark am Versicherungsprinzip und am männlichen Ernährerhaushalt
ausgerichteten Sozialstaatsmodell fehlen Mindestsicherungselemente sowie universelle
Leistungen und es mangelt an Bildungschancen unabhängig sozialer Herkunft
wie auch an eigenständiger Existenzsicherung für Frauen.",
so die Armutskonferenz.
"Erwerbsarbeit allein schützt vor Armut nicht.",
weist DIE ARMUTSKONFERENZ auf die internationale Armutsforschung hin. "Es
gibt Länder mit geringer Arbeitslosigkeit und hoher Armut: USA und Großbritannien.
Und es gibt Länder mit geringer Arbeitslosigkeit und geringer Armut:
Dänemark und Schweden"
Erst die Kombination aus geringer Arbeitslosigkeit und präventiv wirkender
sozialer Sicherungssysteme reduziert Armut. Je höher die Investition
in solidarische Sozialsysteme, desto geringer die Armut. Das erklärt,
warum die USA oder Großbritannien trotz geringer Arbeitslosigkeit hohe
Armut aufweisen.
Das Arbeitslosenversicherungssystem erklärt
eben nur einen Bruchteil der Arbeitslosigkeit, während andere Faktoren
wir Bildungs-, Finanz- und Wirtschaftspolitik eine wichtigere Rolle spielen.
Die Lösung eines Problems muss nicht dort zu finden sein, wo das Problem
sichtbar wird.", analysiert die ARMUTSKONFERENZ.
Ein beträchtlicher Teil der Arbeitsmarktdaten wird aus Jobs gebildet,
die prekär und nicht existenzsichernd sind. Für manche bedeutet
geringfügige- oder Teilzeitbeschäftigung eine Vergrößerung
des persönlichen Handlungsspielraums -für viele eine unfreiwillige
Beschränkung.
verfasst von Martin Schenk

