ARMUT IN ÖSTERREICH Frauenarmut
Maßnahmen
gegen Frauenarmut (pdf)
Politische Mitgestaltung und
Ressourcenfragen (pdf)
Buchhinweis: Wege aus der Frauenarmut
Informationen
zur AG Frauen und Armut
7. Armutskonferenz - Frauen-Vor!-Konferenz
Das arme Mensch - ge-scheiter(t)?
Frauenarmut, Scham und Stigmatisierung
3./4. März 2008
Zur Anmeldung zur Frauen-Vor!-Konferenz bitte das Anmeldeformular zur 7. Österreichischen Armutskonferenz nutzen
3. März, 19.00-21.00h Auftakt mit Forumtheater
* Kennenlernen und Vernetzung
* Forumtheater mit Sivlia Gangl, Gabriele Skledar und Lisl Nusshold, InterACT, Werkstatt für Theater und Soziokultur, Graz
Anhand von Szenen aus „Kein Kies zum Kurven kratzen“, einem interaktivem Forumtheater, das auf Basis eines Theaterworkshops mit Menschen mit Armutserfahrungen entwickelt und im Laufe des letzten Jahres an zahlreichen Orten in der Steiermark aufgeführt wurde, werden Dynamiken der Stigmatisierung und Beschämung von Menschen mit Armutserfahrungen deutlich.
Als Einstieg in die Frauen-Vor!-Konferenz wird insbesondere das Verhältnis von Beraterin und Klientin in Beratungssituationen bzw. bei Behörden thematisiert und reflektiert.
Dabei besteht für alle Teilnehmerinnen die Möglichkeit aktiv ins Spielgeschehen einzugreifen und alternative Handlungsweisen und Lösungsansätze zu erproben.
Weitere Informationen zum Projekt <Kein Kies zum Kurven kratzen>
4. März, 9-12h Analysen und Gegenstrategien
* Inhaltliche Inputs
* Arbeitsgruppen zu den unterschiedlichen Inputs
* Diskussion zu Gegenstrategien
Inhaltliche Inputs
Wofür wir uns schämen und wie uns das bewegt!
Katja Russo, Frauen beraten Frauen, Wien
Menschen wollen und müssen mit anderen Menschen in Verbundenheit leben. Die Angst vor Ausschluss aus sozialen Zusammenhängen bringt uns dazu Verhaltensweisen, Eigenschaften oder Gegebenheiten die die Gefahr des Ausschlusses mit sich bringen zu vermeiden oder wenn das nicht mehr möglich ist sie zu verstecken oder zu verleugnen.
Scham beschäftigt uns nicht nur bei Geschehnissen die bereits passiert sind (z.B. Kündigung, Delogierung, Gewalterlebnissen,...) sondern sie lenkt auch unser zukünftiges Verhalten.
Wir stehen nicht auf und protestieren, da wir Angst haben uns lächerlich zu machen oder wieder einmal das Gefühl der Ohnmacht zu spüren. Wir passen uns den Gegebenheiten an, verhalten uns ruhig da wir Angst vor Attacken, Kritik und Entwertung haben. Die Scham repräsentiert einen inneren Selbstzwang der uns in gesellschaftlich erwünschte Bahnen lenkt. Die Scham ist es auch die uns schwächt, Selbstzweifel bestärkt und unsere Energien fesselt. In einer Gesellschaft der materiell Reichen, die Menschen in GewinnerInnen und VerliererInnen (wir sind alle SpielerInnen) unterteilt ist materielle Armut ein Stigma für alle erdenklichen negativen Eigenschaften oder einfach einer generellen Wertlosigkeit. Der beidseitige Prozess des nicht mehr teilhaben könnens und des ausgeschlossen werdens ist beschämend und entzieht den Betroffenen die Kraft für Veränderung und Lebensgestaltung.
Die sozialen Erwartungen an Frauen sind immer noch an Bilder des 19 Jahrhunderts gekoppelt. Frauen sind ausgleichend, flexibel, sozial, emotional, fürsorglich. Die Scham die spürbar wird wenn Frauen sich anders verhalten z.B: Forderungen stellen, sich dominant oder aggressiv verhalten, für ihre Vorteile kämpfen entspricht dem Grad der Unerwünschtheit dieser Verhaltensweisen in unserer Gesellschaft. Gleichzeitig sind Frauen aufgrund der ungleichen Verteilung von bezahlter und unbezahlter, von gut und schlecht bezahlter Arbeit, besonders von Armut betroffen. Vieles spricht dafür das auch die mit Armut verbundene Scham geschlechtsspezifisch unterschiedlich erlebt wird.
Gut gemeint ist selten gut! Stigmatisierung als Folge ehrenamtlichen Engagements
Margit Appel, Politikwissenschafterin, Katholische Sozialakademie Österreich
Wenn in Österreich 13% aller Frauen armutsgefährdet sind, dann sind es 87% nicht. Armutsgefährdete Frauen haben wenig Möglichkeiten, ihre Situation durch Einmischung in die politischen Verhältnisse zu verändern: es fehlt ihnen an Zeit, Geld und Kontakten. Dazu kommt die Scham, durch öffentliches Engagement als Armutsbetroffene sichtbar zu werden. Für eine Änderung der Verhältnisse braucht es jene, die nicht von Armut betroffen sind: sie können Zeit für ehrenamtliches Engagement einsetzen, weil sie sie nicht zur Gänze zur Sicherung ihrer Existenz verkaufen müssen. Gut gemeintes caritatives Engagement reicht aber nicht! „Statushohe“, privilegierte Ehrenamtliche neigen dazu, ihre Privilegien zu erhalten und im Rahmen ihrer Interpretationen davon, wie Armut entsteht, „statustiefen“, unterprivilegierten Freiwilligen zu helfen. Um das zu ändern, braucht es die Politisierung der „Helferinnen“ und Strukturen, in denen solidarische Selbsthilfe Armutsbetroffener sich entwickeln und stattfinden kann
Gewalt und Trauma als Auslöser für Krankheit und Armut
Marion Breiter, Psychotherapeutin und Sozialwissenschaftlerin, Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen
Gewalterfahrungen sind traumatische Erlebnisse, die in Seele und Körper gravierende Spuren hinterlassen- vor allem dann, wenn sie nicht aufgearbeitet wurden. Diese Erlebnisse können bei betroffenen Frauen psychische und physische Erkrankungen auslösen, die meist auch mit Scham und Schuldgefühlen verbunden sind. Finanzielle Probleme und Armut kommen dann oft als weitere Folge dieser Beeinträchtigungen hinzu und bilden die strukturelle Fortsetzung von Gewalt. Daraus kann für die betroffenen Frauen und ihre Kinder dauerhafte Armut entstehen.
Alleinerzieherinnen und Armut: Armut soll unsichtbar sein.
Elisabeth Wöran, Österreichische Plattform für Alleinerziehende
Geraten Alleinerzieherinnen aufgrund ihrer persönlichen Lebensumstände in Armut, so versuchen sie - so gut es geht - dies zu verschleiern. Viele setzen ihre ganze Kraft ein, damit ihre Armut oder Armutsgefährdung möglichst für die anderen unsichtbar bleibt. Gefühle des persönlichen Versagens gehen damit einher. Sie versuchen durch persönlichen Verzicht und mit viel Phantasie und Kreativität ihren Kindern die gesellschaftliche Teilhabe zu sichern. Bleibt die Armut bestehen, so ziehen sie sich oftmals aus ihren sozialen Beziehungen ganz zurück. Dadurch werden sie selbst für die Gesellschaft unsichtbar.
Scham und schnöder Mammon - Eine Kultur der Intransparenz zu Lasten der Frauen
Sybille Pirklbauer, Politologin, AK Wien/Abt. Frauen-Familie
Armut ist weiblich, sich dafür zu schämen auch. Wer kein Geld hat, versucht es zu verbergen und verzichtet dafür oft sogar auf Sozialleistungen. Seltsamerweise sind aber jene mit ansehnlichem Einkommen und Besitz auch "g'schamig". Die Hemmschwelle offenzulegen, wer viel Geld ohne Arbeit kriegt, ist noch größer als erkennbar zu machen, wieviele (vor allem Frauen) viel Arbeit ohne Geld haben. Die echte und falsche Scham betreffend Einkommen und Geld mündet so in einer Kultur Intransparenz, die die herrschende Verteilung zementiert und so vor allem den Frauen zum Nachteil gereicht.
Bedürftig und abhängig: Schande oder menschlicher 'Normalzustand'?
Michaela Moser, Ethikerin und Sozialexpertin
Bedürftig – oder gar abhängig – zu sein, gilt in der neoliberalen Erfolgsgesellschaft als Schande. Frauen haben heutzutage alle Möglichkeiten, heißt es oft und wer sich ordentlich anstrengt, in allen Lebensbereichen die richtigen Entscheidungen trifft und früh genug (ökonomische) Unabhängigkeit anstrebt, findet gute Arbeit und schafft es auch Job und Familienleben locker unter den Hut zu bringen. Eine feministische Ethik des Sorgens, auch Care-Ethik genannt, widerspricht diesem Ansatz vehemt und betont, dass wechselseitige Abhängigkeit wesentlich zum Mensch sein dazu gehört. Statt stärkerer Eigenverantwortung und Leistungsdruck brauche es mehr Einsich und kollektive Verantwortung und Einsatz für das gute Leben aller einzelnen und ein Auflösen des angeblichen Dualismus von Abhängigkeit und Freiheit. Und Bedürftigkeit als Ausgangspunkt für eine neue Politik des Sozialen.
Armut, Armutsgefährdung und Arbeitslosigkeit - eine Herausforderung für Beraterinnen?
Angelica Dawson, Ingrid Schmidbauer, Strategische Partnerinnenschaft FMBB NÖ und AMSNÖ
Arbeitslosigkeit bei Frauen ist oftmals gepaart mit Armut und Armutsgefährdung, d.h. prekäre Arbeitsverhältnisse mutieren zu schwierigen Lebensverhältnissen. Als Faktoren, die die "Spiralbewegung nach unten" verstärken, können genannt werden: keine bzw. schlechte Ausbildung, Schulden, (psychische und physische) Krankheit, alleinerziehend, Pflegezuständigkeit für kranke Familienangehörige, schlechte Wohnverhältnisse, Gewalterfahrungen...) .
Im Rahmen der AMS-Reintegrationsbemühungen werden diese Frauen in die Erwerbstätigkeit (oder in Schulungsangebote) 'gedrängt', deren Umsetzung oftmals ein fragiles System von Armutsbewältigungsstrategien (und damit
Überlebensstrategien) ins Wanken bringen und nicht zwingend zur Armutsüberwindung beitragen. Geringe Entlohnung (oft in Teilzeitarbeitsverhältnissen), entfernte Arbeitsorte mit langen Anfahrtszeiten, erhöhte Ausgaben für Kinderbetreuung, Bekleidung, Essen, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz erhöhen den individuellen Stress.
Die AMS-Beraterinnen und die Frauenberatungsstellen versuchen in diesem Spannungsfeld gemeinsam Beratungsansätze und Unterstützungsangebote zur Selbsthilfe und zur Selbstbestimmung der Frauen zu entwickeln.
Anhand von konkreten Beispielen wollen wir dieses Spannungsfeld mit unseren individuellen Bildern und praktischen Erfahrungen beschreiben und diskutieren.

